Courasche

Ein Schattendasein im 30jährigen Krieg - die Frauen. Eine Darstellung des Krieges in der Literatur am Beispiel von Grimmelshausens Roman Courasche

Inhalt



Vorwort

I. Die Schreibsituation von Hans Jakob von Grimmelshausen im Hinblick auf die sozialen und politischen Beziehungen innerhalb seiner Biographie.

II. Die Courasche als Gegenstück zum Simplicissimus und als Verkörperung des Grimmelshausenschen Frauenbildes.

III. Die Frau zu Beginn des 17. Jahrhunderts anhand weiterer Literaturbeispiele

IV. Literaturverzeichnis



I. Die Schreibsituation von Hans Jakob von Grimmelshausen.

Im Jahre 1670 erschien, 2 Jahre nach dem Druck des Simplicius Simplicissimus ein kleiner Roman, den Grimmelshausen Trutz Simplex nannte oder Ausführliche und wunderseltsame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche. Der Verfasser, hinter einem Pseudonym verborgen, einem anderen jedoch als bei der Herausgabe des Druckes vom abenteuerlichen Simplicissimus, war seit 2 Jahren Schultheiß im bischöflichen in der Nähe von Straßburg gelegenen Ort Renchen, verkündete werbend auf dem Titelblatt der Ausgabe, seine Geschichte sei eben so lustig/annemlich un nutzlich zu betrachten als Simplicissimus selbst und sei alles miteinander von der Courasche eigener Person dem weit und breit bekannten Simplicissimo zum Verdruss und Widerwillen ihm in die Feder diktiert.

Der literaturhistorischen Forschung war es erst im Jahre 1835 gelungen, den wahren Namen des Verfassers und seine wichtigsten biographischen Daten zu sammeln und zu sichern. Seine Lebensgeschichte wurde erst nach und nach im Zusammenhang mit den Aussagen in seien Dichtungen wechselseitig zu erhellen versucht.

Um 1622, fast zu Beginn des 30jährigen Krieges, als Sohn eines Bäckers im hessischen Gelnhausen geboren, dürfte er seine erste Bildung durch Besuch einer Lateinschule im Ort, welcher noch vom Kriege kaum berührt wurde, erlangt haben. Seine Mutter heiratete nach dem frühen Tod des Vaters 1627 einen Frankfurter Buchhändler. Die Familie Grimmelshausen, ursprünglich adlig, war seit längerer Zeit in der Stadt und ihrer Umgebung ansässig.
1634 griff der Krieg auf das protestantische Gebiet um Gelnhausen über, welches von Kroatentruppen der kaiserlich-spanischen Armee überrannt wurde und nach der Schlacht bei Nördlingen fiel, in der die Schweden ihre Machtstellung in Süddeutschland verloren.

Das Gebiet wurde gebrandschatzt und geplündert, Grimmelshausen nach der Festung Hanau gebracht. In der Folgezeit wurde er anscheinend von den kaiserlichen Truppen verschleppt und nahm an deren Kriegszügen, Schlachten und Belagerungen, u. a. auch Magdeburgs teil; erst als Dragoner im Dienste des Feldmarschalls Graf von Götz, dann ab 1639 als Musketier bei der Belagerung von Offenburg. Diese von ihm miterlebten Ereignisse stehen mit den geschilderten Begebenheiten im Simplicissimus und in der Courasche in nahem Zusammenhang, Das rohe ausschweifende Leben der Soldaten sowie die von den Offizieren weitgehend geduldeten und vereinzelt selbst ausgeübten Gräueltaten sind historische Wirklichkeit. Es lassen sich auch Ähnlichkeiten mit Personen des Romans, die eine merkwürdige Übereinstimmung mit denen der historischen Wirklichkeit aufweisen, feststellen. Grimmelshausen war Augenzeuge.



In der Festung Offenburg wurde der Freiherr Hans Reinhard von Schauenburg auf ihn aufmerksam, der ihn zum Schreibgehilfen ernannte. Von seinem Vorgesetzten, einem akademisch gebildeten Magister mochte er Anregungen erhalten haben, sich weiterhin mit dem damaligen Wissen, Kunst und Literatur zu beschäftigen, was durch die Verbreitung des Buchdruckes möglich war, wenn auch nur in einem für uns heute äußerst beschränktem Maße. Es gab weder öffentliche Bibliotheken noch ein Schulsystem, Buchhandlungen ebenso wenig. Nur einem kleinen Kreis on Gelehrten, Fürsten weltlicher und kirchlicher Art, standen überall in Europa verstreut an den Höfen, Klöstern und in einigen Städten, diese Dinge zu Verfügung.

Später wurde er selbständiger Regimentssekretär und begleitete den Freiherrn von Elter, da die höheren Offiziere meist wenig schreibgewandt waren, nach Bayern und in die Oberpfalz, wo er Zugang zu den Schriften und Übersetzungen des Münchener Hofbibliothekars Ägidius Albertinus bekam. 1649, nach Friedensschlußß heiratete er die Tochter eines Ratsherrn. Die Heiratsurkunde weist aus, dass er zum Katholizismus übergetreten war. Der Wechsel vom unruhigen Soldatenleben in den sesshaften bürgerlichen Stand, durch die Heirat vollzogen, brachte ihm einen weiteren sozialen Aufstieg und eine Verwaltungstätigkeit im Dienste der Grafen von Schauenburg ein. Er selbst erhielt ein Pfandlehen und erwarb Grundstücke. Durch die Gegenden um Straßburg war der Krieg gezogen und hatte vor allem die bäuerliche Bevölkerung schwer getroffen, so dass Grimmelshausen sich in schwierigen Situationen befand; in einem Geflecht sozialer Abhängigkeiten und gesellschaftlicher Hierarchien, in die er sich einfügte und die sein Leben bestimmten.

Er setzte sich nachdrücklich für die Renchener Bevölkerung ein, mußte aber doch als reiner Interessenvertreter der schauenburgischen Adelsfamilie die Abgaben eintreiben und die säumigen Zahler mahnen, gegebenenfalls mussten die herrschaftlichen Forderungen durch Gerichtsbeschlüsse erzwungen werden. In machen Fällen war der Umfang der Lasten unklar geworden, was weitere Nachforschungen erforderlich machte.

Aus dem vorliegenden spärlichen Aktenmaterial geht hervor, dass in den Jahren 1661/62 die Spannungen innerhalb seiner Beziehungen zur Adelswelt, wohl hauptsächlich aus Finanzgründen derart anwuchsen, dass Grimmelshausen Ausscheidung aus dem Dienst drohte. Seine Wirtschaftsführung war mit Defiziten belastet, wofür er die Abtretung eigener Grundstücke dann anbot. Als Verwalter hatte er von zahlungsunfähigen Schuldnern hypothekarisch, anstelle von Bargeld, Besitzungen übernommen, die dann in den Rechnungen als sog. Rezesse erschienen.

Der Lebensbereich bestand aus sozial sehr unterschiedlich zusammengesetzter Bevölkerung: stark verarmte Bauern, reich gewordene, vergnügungssüchtige Emporkömmlinge mit ihren Dienern, die auf den Burgen und Herrensitzen in der Nähe von Straßburg lebten, einer Stadt, in der Verleger und Drucker zur Verfügung standen.

In den folgenden Jahren, die ihn auch als Gastwirt in der kleinen Ortschaft Gaisbach zeigen, veröffentlicht er seine ersten Schriften: Der satyrische Pilgram erscheint unter einen Anagramm, welches seinen Namen verdreht verwendet. Dann ist er wieder tätig als Verwalter und Schultheiß und verpflichtet zur Steuereintreibung und niederer Gerichtsbarkeit. Erstaunlicherweise war es ihm trotzdem möglich, sein großes Werk und weitere kleinere Schriften zu verfassen, und er fand auch die Möglichkeit, sie drucken zu lassen. In den Katalogen, die die Buchhändler jährlich zur Frankfurter Buchmesse herausgaben, sind die Erscheinungsjahre z. B. der Courasche festzustellen.

In den Jahren vor seinem Tode 1676 wurde das Land nochmals vom Krieg heimgesucht, den Ludwig XIV. gegen Holland führte, was erneut in diesem Grenzgebiet Wirren mit sich brachte und den Schultheiß vor kaum lösbare Aufgaben stellte.

II. Die Courasche als Gegenstück zum Simplicissimus.

Im 6. Kapitel des 5. Buches des abenteuerlichen Simplicissimus ist von der Begegnung des Helden mit einer Dame im Badeort Saurbrunnen die Rede, welche ihn belästigt habe, und mit der er aber eine Zeitlang zusammenlebte. Ihr Charakter sei mehr mobilis als nobilis gewesen und sie sei viel weniger auf eine Ehe mit ihm ausgewesen, denn um anderer Vorteile willen. Hieran anknüpfend, obwohl nicht besonders hervorgehoben, wählt er seine Art Fortsetzung, bzw. ein Gegenstück weiblicher Art, ebenfalls in Ich-Form geschrieben, das er Trutz-Simplex nennt. Der Leser war also schon darauf vorbereitet, um was es sich handelte, sofern er den Simplicissimus kannte. Er wandte sich also an Leser der gehobenen und höheren Gesellschaft von Adel und allenfalls vom Bürgertum.

Die Thematik im Simplicissimus war, den Menschen in seinem Verhältnis zu Gott und Welt zu zeigen, welches beherrscht wird von der menschlichen Unbeständigkeit, der Weltverfallenheit und dem Streben nach deren Überwindung. Die Direktaussagen gehen auf Weltverneinung aus, obwohl die Schilderung der Zeitwirklichkeit mit Sympathie für die bunte Vielfalt des Lebens vor sich geht. Angesichts der von Grimmelshausen mitangesehenen Grausamkeiten, die die Menschen als eine Strafe Gottes ansahen, obwohl sie sie selbst verübten, in deren Strudel sie sich aber unausweichlich befanden, die einzig mügliche Haltung, um zu überleben.

Die Aufgabe, die sich Grimmelshausen in der Courasche stellte, war von der vorigen grundverschieden. Courasche will lediglich Rache nehmen an Simplex, da dieser sie in seinen Aufzeichnungen schmäht und sie verschmäht hat. Sie brüstet sich ihm zum Trotz mit ihrem liederlichen und lasterhaften Lebenswandel. Zur Verteidigung ihrer Ehre macht sie der Öffentlichkeit ihre Schandtaten zugänglich, um somit auch den ehemaligen Liebhaber zu kompromittieren, der schließlich ihre Begegnung suchte.

Ansatzpunkte für verschiedene Motive in der Courasche stammen lt. Quellenforschung einerseits aus den spanischen Schelmenromanen wie Lazarillo des Tormes und einem weiblichen Gegenstück, der Picara des Dominikanerpaters Perez. Diese Gauner- und Schelmenromane sind mit ihren Antihelden in niedriger und übler Gesellschaft angesiedelt, und das paradoxerweise im mächtigen spanischen Imperium, dem Goldenen Zeitalter.

Auch in der Courasche die im Gegensatz zum Simplicissimus der seine Sünden bereut und Gott um Vergebung bittet, alle Bekehrungstendenzen höhnisch zurückweist, und sich zu Neid und Geiz, ja Hass bekennt, ist dieses Bloßlegen der eigenen Verworfenheit besonders geeignet, irdische Blindheit und Verbohrtheit gegenüber den wesentlichen Dingen des menschlichen Daseins anschaulich darzustellen.

Die Geschichte spielt fiktiv auf dem historischen Hintergrund des 30jährigen Krieges, die, obwohl Grimmelshausen auch aus dem zeitgenössischen Geschichtswerk, dem Ernewerte Teutsche Florus des Eberhard von Wassenberg, erschienen bis 1647, und dem Kompendium Theatrum Europäum Material schöpfte, manchmal indem er bewiesenermaßen direkt abschrieb, von den eigenen Erlebnissen im Schatten des Krieges her, nun gespiegelt in dieser Dichtung, einen hohen Wirklichkeitsgrad aufweisen dürfte.

Die Erzbetrügerin Courasche, die sich im ersten und zweiten Kapitel Libuschka nennt, wird bei der Belagerung ihrer böhmischen Heimatstadt Budweis von ihrer Kostfrau, bei der sie unehelich aufwuchs, verkleidet und als Pferdejunge Janko von den kaiserlichen Truppen mitgenommen. In dem böhmischen Aufstand, 1618 durch den Fenstersturz in Prag ausgelöst, versuchten die protestantischen Stände ihre Rechte gegenüber dem Kaiser mit Gewalt durchzusetzen. Sie wählten den calvinistischen Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum böhmischen Kö nig. Der habsburgische Kaiser Ferdinand bewog jedoch seinen Vetter Maximilian von Bayern, der den Oberbefehl über das Katholische Ligaheer übernommen hatte, in Richtung Prag zu marschieren, wo 1620 in der Schlacht am Weißen Berge das Heer der Union mit der die böhmischen Stände sympathisierten, geschlagen wurde.

Die unteren Bevölkerungsschichten konnten sich mit dem Aufstand nicht identifizieren, da der böhmische Adel seinerseits nicht bereit gewesen war, die Bauern aus der Leibeigenschaft zu befreien.

Libuschka-Janko kann sich aber bald in ihrer Verkleidung nicht mehr verbergen, sondern lässt sich von einem Rittmeister mehr oder weniger willig verführen. Unverblümt schreibt sie: meine Jungfrauschaft befand sich ohnedas in den letzten Zügen, zumalen ich wagen mußte (riskieren) mein Gegenteil würde mich doch verraten.

Sie gibt sich dem Rittmeister zu erkennen, nicht ohne erbärmlich zu weinen. Er verwundert sich sehr, verspricht aber, ihre Ehre zu schützen, ist indessen aber der erste, der ihr nachstellt, was ihr auch besser gefiel als sein ehrlichs Versprechen. Sie wehrete sich ritterlich, nicht zwar, ihme zu entgehen oder seinen Begierden zu entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen und noch begieriger zu machen.

Sie lässt sich die Ehe versprechen. Der Rittmeister, der sie nun Courasche nennt, wird bald darauf in einer Feldschlacht unter dem Grafen Bucquoy, der in Ungarn den Aufstand des Bethlen Gabor bekämpft, tödlich verwundet. Auf dem Sterbebett, um sein Gewissen zu beruhigen und bedrängt von Courasche, lässt er sich von Beichtvater mit seiner Geliebten trauen, nachdem sie zu einer List Zuflucht suchte, und sagte, sie befände sich von ihm schwanger.

Mit seiner Hinterlassenschaft von Pferden und Dienern fühlt sie sich einigermaßen gesichert und begibt sich nach Wien. Nach einem zunächst sittsamen und zurückgezogenen Leben im Hause eine Witwe und deren Töchter, bei der sie sich mit Nähen, Spinnen und anderer Frauenzimmerarbeit beschäftigt, gerät sie bald von Pfad der Tugend ab, da die Frommheit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegt. Von ihrer Wirtin, die selbst einen zweifelhaften Lebenswandel führt, herausgeputzt und in gewissen Künsten unterrichtet, umschwärmen bald etliche vornehme Leute ihr Haus, wie die Raubbienen umb ein Immenfass. Ein Graf tröstet sie über den Verlust ihres Ehemannes hinweg und ermöglicht ihr einen annehmbaren Hausstand.

Im folgenden soll weiter an einigen Textbeispielen, die sich aber nur auf die erste Hälfte des Romans beschränken, untersucht werden, ob das negative Bild, dass Grimmelshausen hier zeichnet, gerechtfertigt ist, oder ob hier die Frau nicht vielmehr das ist, was die Männerwelt des Krieges aus ihr macht. Die Schuld des Mannes wird zumindest angedeutet, dem Dichter aber wahrscheinlich unbewusst. Sie wird verführt, um die Ehe betrogen, auf Abwege gelockt und in ganz willkürlicher Art brutaler Gewalt ausgesetzt. Sie werde so behandelt, da§ sie dann selbst entsprechend handeln wolle.

Als sie sich über ihre alte Heimatstadt nach Prag aufmacht, um Nachforschungen über ihre Herkunft anzustellen, ihr Vater soll immerhin von königlichen Geblüt sein, wird sie von Mansfeldischen Reitern, die sich mit falschen Feldzeichen für Kaiserliche ausgeben, überfallen und mitgenommen und

Umb Mitternacht kamen sie in eine Meierei, die einzig vorm Walde lag, allwo sie anfiengen zu füttern und mit mir umbzugehen, wie zu geschehen pflecht, welches mir zwar der schlechteste (schlichte) Kummer war, aber es wurde ihnen gesegnet, wie dem Hund das Gras (bekam ihnen schlecht, Hunde fressen Gras, um sich übergeben zu können) dann indem sie ihre viehischen Begierden sättigten wurden sie von einem Hauptmann, der mit dreißig Tragonern einen Konvoi nach Pilsen verrichtet hatte, überfallen und weil sie durch falsche Feldzeichen ihren Herrn verleugnet, alle miteinander nieder gemacht.

Vom Hauptmann vor die Wahl gestellt, die Beute unter seine Burschen zu verteilen und mitzuziehen, oder sie ihm allein vermittelst der Ehe, sie gefalle ihm, zukommen zu lassen, sie sei ihm ob der Erlösung obligiert, sucht sie ihre Zuflucht in der Bitte, sie in ihre Gewahrsam (Wohnsitz) passieren zu lassen, was ihr allerdings unsicher scheint. So entsteht eine ähnliche Situation, wie zu Beginn, als ihre Verkleidung sich nicht länger verbergen ließ. Die Situation ist immer auch von äußeren Anlässen abhängig, von Ausnahmesituationen, in der ein rechtlicher Status aufgehoben ist. Überfall, Töten und Morden ist gegenüber dem Feind zulässig, führt aber zur Verrohung, lässt unter dem Druck der Ereignisse sogar jegliche Rücksichtnahme den eigenen Leuten gegenüber oftmals vermissen.

Ihre Tränen ob der ausweglosen Situation begleitet Grimmelshausen mit den Versen

Die Weiber weinen oft mit Schmerzen
Aber es geht ihn nicht von Herzen
Sie pflegen sich nur so zu stellen
Sie können weinen, wann sie wöllen.


die ihr die Aufrichtigkeit absprechen.

Die Hochzeit wird unter einigem Aufwand in den Mansfeldischen Befestigungen der Union in der Oberpfalz zu Weidhausen, die dem Herzog aus Bayern per Akkord übergeben wurde, gefeiert. Der Hauptmann lässt sie an seiner Seite in den Krieg reiten, nicht im Damensattel, wie andere Offiziersfrauen, sondern überzwerg auf einem Mannsattel.

Sie kämpft an seiner Seite, wirft sich kühn ins Gefecht und macht mehr Beuten als mancher geschworner Soldat welches aber manchen und manche verdross. Der neue Ehemann wird ihr bei Wiesloch totgeschossen, einem Ort südlich bei Heidelberg, als die Bayern eine Niederlage gegen die Mansfelder erlitten.

Die nächste Ehe ist ebenfalls wegen der Ungewissheit und Unsicherheit, die das wechselnde Kriegsglück mit sich bringt, nicht von langer Dauer. Sie endet aber durch eine ungewöhnliche Weise. Die Welt des Krieges ist die der Männer und wie diese von Gewalt und Brutalität charakterisiert. Wie die Männer, sieht aber Courasche den Krieg mehr und mehr als eine Gelegenheit an, Beute zu machen, Sieht sie den Einbruch der kaiserlichen Völker in ihrer Heimatstadt kaum mit Angst, aber mit großer Begierde, was es doch for eine neue ungewöhnliche Kürbe (von: Kirbe, Kirmes, eine Gelegenheit, bei der es drunter und drüber geht) setzen würde, so ist auch jetzt die Schlacht bei Wimpfen ein fast anmutiges und lustiges Treffen.

Der Kampf wird zur Begierde, ja die Lust am Töten scheint selbstverständlich, zumindest unausweichlich. Mitleid mit den Opfern der verlustreichen Kämpfe tritt kaum auf, ein Opfer wird nur beklagt, wenn es für den Nächsten, der ihm umgibt, Nachteile und Bedrängnis bringt. Es gibt kein Pflegen von Verwundeten, kein Trauern um die Toten, oder dieses kommt in der derben Sprache, die oft nur knapp die Tatsachen schildert, nicht zum Ausdruck. Courasche stürzt sich in die Schlacht, vergisst, dass sie eine Frau ist und benimmt sich wie ein Soldat.

In der Mitte des Romans wird sie zur mitreißenden Figur für die Soldaten; sie spornt zum Kampf an, man huldigt ihr, solange ein Sieg eintritt. Ihrem neuen Ehemann, einem Leutnant italienischer Herkunft scheint dieses nicht zu behagen. Er will mit ihr um die Vorherrschaft in der Ehe kämpfen. In einer Prügelszene im Kampf um die Hosen, auf den sie zunächst nicht eingehen will, zieht er den kürzeren und wird zum Gespött der Offiziere. Sie sagt zu ihm: So hab ich auch niemalen in Sinn genommen, euere Hosen zu prätendiern; sondern gleich wie ich wohl weiß, daß das Weib nicht aus des Mannes Haupt, aber wol aus seiner Seiten genommen worden, also habe ich gehofft, meinen Herzallerliebsten werde solches auch bekannt seyn und er werde derowegen sich meines Herkommens erinnern und mich nicht, als wenn ich von seinen Fu§sohlen genommen worden wäre, vor sein Fuß-Thuch sondern vor sein Ehegemahl halten...

Der Anspruch der Courasche, in der Ehe als Gefährtin wahrgenommen zu werden, scheitert; sie wird als Anmaßung kritisiert, aber auch bestätigt, da der Leutnant sich durch die Flucht entzieht und zum Feind übergeht. Objektiv wird hier die Frau in ihrem Verhalten als rächende Rebellin gegen die Missachtung ihrer Menschenwürde dargestellt. Grimmelshausen dürfte jedoch hier auch die provokatorische Dummheit des Mannes tadeln, der erst Herrschergelüste und das Bewusstsein der Stärke weckt, mit der dann die Frau nicht positives anzufangen weiß.

Als dann Courasche als nächstes einen Marketender wählt, der sich ihr völlig unterwerfen muss, was durch einen Kontrakt geregelt ist, sogar, daß sie ihn betrügen kann und er nach außen hin die Marketenderei betreibt, wird die Welt als auf den Kopf gestellt und völlig verkehrt von Grimmelshausen gesehen. Denn

Die weitere Entwicklung der Courasche ist eine sozialer Abstieg, der parallel zum Krieg verläuft. Das Beutemachen, der lustige Kampf weicht einem nüchternen Geschäft. Sie wird Marketenderin, dann wieder Musketierin und zuletzt eine unter Zigeunern lebende Prostituierte, als räubernde Marodeure durch das völlig ausgeblutete, hungernde und erschöpfte Land ziehen.

Die Lebensalter einer Frau, beginnend als schöne Rittmeisterin, dann episodenartig fast sämtliche militärischen Stände der damaligen Zeit durchlaufend, werden in diesem Abstieg, diesem von der Attraktivität der Frau abhängigen Auf und Ab, ebenfalls nur auf diese Wert bezogen.


III. die Frau zu Beginn des 17. Jahrhunderts anhand weiterer Literaturbeispiele.

Die Courasche nimmt in Grimmelshausens Gesamtwerk nur einen untergeordneten Platz ein, Im Satyrischen Pilgram hatte er versucht, die ihn umgebende Welt in mehr theoretischer Form zu erfassen. In diesen Abhandlungen ist ein Kapitel den Weibern gewidmet. Nach Art der Kapitelaufteilung folgt zunächst ein Lobspruch. Vor dem Sündenfall sei dem Weib die Herrschaft über den Mann eingeräumt gewesen, und es gäbe ja auch gelehrte, tapfere ja weise Weiber, für die er Beispiele bis in die Antike zurückreichend anführt.

Daraus folgtdass die Weiber von Art nicht bös gewest seyn/sondern sich erst verkehrt/und ihre Bosheit unt Untugenden von der Beywohnung ihrer Männer/als die sie ledigs Stands selbst tugendreiche Jungfraun tituliert/und sie solcher und anderer Tugenden halben geehligt/gleichsam Erbsweis empfangen und angenommen haben.

Im Tadelspruch werden sodann an einer Fülle von Beispielen aus Bibel und Antike nachgewiesen, wie voller Bosheit, Sünde, Hoffahrt und Verschwendung die Frauen seien, gemäß Platos Spruch und Frage, ob die Weiber überhaupt den verständigen oder unverständigen Tieren zuzurechnen seien. Und zuletzt in der Zusammenfassung beugt sich der Dichter dem allgemeinen Urteil der Zeitgenossen, bei aller Objektivität seines Geistes, der bereit und fähig ist,überall zur Wahrheit vorzudringen. Die Weiber sind das notwendige Übel, die wir
nicht allein zu Propagierung des Menschlichen Geschlechts/sondern auch zu sonst andern mehr unentbehrlichen Geschäfften haben müssen/wollen wir sie nicht so in die Schelmengruben/oder auff den Schindanger hinwerfen/sondern betrachten/dass sie nicht alle bös seyen; Und ob die frommen Weiber zwar dünn gesäet/so gibt es dannoch gute...

Die Frau wird hier also lediglich in Beziehung gesetzt zum Thema Mann-Mensch, bedeutet für Grimmelshausen aber immerhin eine Klippe, an der es sich zu bewähren gilt.
Da dieser Stil kein groß,er buchhändlerischer Erfolg war, versuchte er in seinen späteren Werken erzählerischer, anschaulicher zu schreiben, um sie besser verbreiten zu können. Er erfand Geschichten, um etwas darzustellen und um diese vom Krieg verdorbene Welt zu ändern und zu entlarven.

Während im Simplex der Mann einen religiösen Entwicklungsprozess bis zur höchsten Stufe des Einsiedlertums durchläuft, der durch Irrtum und Schuld sich innerlich wandelt und läutert, wenn auch wieder sich fragend, ob das Einsiedlertum , in dem er ein totes Glied der menschlichen Gesellschaft ist, und ob es nicht besser sei, seinen Nebenmenschen zu dienen und sie ihm hinwiederumb, als dass er auf der faulen Berrenhaut liege, gibt sich die Frau von Anfang bis Ende mit vollem Willen und Bewusstsein der sinnlichen Welt hin und versinkt langsam im Schmutz und Schlamm der Weltlust. Nach dem Interpreten Feldges ist die Courasche aber kein vordergründiger Schelmenroman mehr, sondern eine allegorische, moralisierende und anagogische Darstellung der Welt des 30jährigen Krieges, der Anzeichen eines befürchteten bevorstehenden Weltendes enthält.

Bei alledem zeigt sich, dass der Dichter diese Figur, die er als abschreckendes Beispiel konzipiert: meide die Welt und das Weib, doch in verführerischer Vitalität darstellt, die fasziniert und einer sonderbaren Ambivalenz Ausdruck gibt; sie verselbständigt sich. Inwieweit hier Grimmelhausens eigene Erlebnisse einwirkten, er war verheiratet und soll mit seiner Frau 10 Kinder gehabt haben, ist nicht zu sagen; er scheint aber mehr nach dem Wahlspruch gelebt zu haben, dass man eine Frau nicht bekehren kann, sondern man kann sie höchstens zähmen, und dazu schlägt er vor: Man solle ihr alle Jahr einen jungen Erben zweigen

Die Wahl der historischen Daten, Schlachten und Landschaften in der Courasche sind für Feldges ein weiteres Moment mit der Methode des mehrfachen Schriftsinns nach weiteren verborgenen Bedeutungen zu fragen. Die Courasche ist böhmischer Abstammung, ihr Vater, einer der Anführer der böhmischen Stände, dann sogar mit den Türken Beziehungen anknpfend, gilt somit den Verursachern des Krieges zugehörig. Die Wahl des Namens Courasche, der französisch klingt, sei ein Synonym für ungesittet, lasterhaft und lügnerisch. Hier sei ein weiteres antideutsches Prinzip, während im Simplex der teutsche Lebensbereich, die Abstammung, die Standhaftigkeit hervorgehoben wird, die jetzt gefährdet ist und zerschlagen wurde, im Widerstreit zwischen den überkommenen Ideen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, welches antikes und christliches Gedankengut verkörperte, und dem Rückfall in die Zersplitterung der deutschen Stämme. Dieser mehrfache, nicht nur vordergründig zu deutende Sinn der Schrift war nach Feldges auch Grimmelshausens Absicht. Allerdings könne die Fabel in ihrer Vieldeutigkeit und das was darin verborgen sei, nur von jedem 17. Leser erfasst werden.

Die Courasche, in Ich-Form verfasst, ist nicht von einer Frau selbst verfasst, sondern der Dichter wählt diese Form, um zu zeigen, wie eine Frau gelebt, gedacht und gehandelt haben könnte; er wendet sich wohl vornehmlich an ein männliches Publikum. Die Frau ist hier vornehmlich auf eine Charakterisierung des Mannes hin konzipiert. Aber er erklärt auch, die wahrhafftige Ursache des Buches sei die Gegenüberstellung der beiden Geschlechter, und aus diesen beiden Lebensbeschreibungen, dem Simplicissimus und seinem Pendant sei zu sehen, dass kein Theil um ein Haar besser sey als das ander.

Der vorgegebene historische Rahmen wird von Grimmelshausen poetisch ergänzt. Er ist kein Geschichtsschreiber, der die Sache bloß der Wahrheit gemäß erzählt, sondern er interpretiert die Geschichte seiner Zeit, indem er die Courasche als allegorische Figur, als Frau Welt des 30jährigen Krieges mit all den Widersprüchlichkeiten des barocken Zeitalters darstellt. Das persönlich Zufällige wird dadurch auf die Ebene des Typischen gehoben und ein in der Historie verborgener ewiger Sinn sichtbar gemacht.

Während Simplicissimus bestrebt ist, sich das Wissen seiner Zeit anzueignen, hat die Courasche keine derlei Ambitionen. Sie liest lediglich den galanten Helden- und Liebesroman, den Amadis, aber auch das nur, um ihre Beziehungen zum anderen Geschlecht zu verbessern und auf ein höheres Niveau zu heben. Der Abenteuerroman &Amadis galt als Ideal-Roman, in dem man die repräsentativen Leistungen der Zeit erfasst sah; er ist heute vergessen.
Andere Schriftsteller dieser Zeit geben in kaum abgewandelter Form ihre Meinungen über eine Bildungsmöglichkeit der Frauen wider. Harsdörfer in seinen Frawenzimmer-Gesprächs-Spielen , verbietet den Frauen nicht, den Weg des Verstandes zu gehen, es sei denn, man wolle sie dann von der Gemeinschaft anderer Menschen absondern und sie für sinn- und redlose Bilder halten.
In die gleiche Richtung weisen die Betrachtungen des Aegidius Albertinus:
Es ist nützlich und ratsam, dass die Jungfrauen lesen lernen, und dass sie gute und andächtige Bücher lesen und darin beten mök;gen, was aber das Schreiben belangt, ist dasselbe den Weibern zu lernen gar nicht ratsam...

Wenn Grimmelshausen sich vom Stil der preziös-galanten Romane abwandte - er verfasste selbst einige dieses Genres - unter ihnen Dietwald und Adelinde, so nicht gerade deswegen, um den damals herrschenden Geschmack ad absurdum zu führen. Bei aller Abenteuerlichkeit und höchst gehaltvollem Lebens hat sein Roman-Ich eine geheimnisvolle, adelige Abstammung, eine teils bäuerlich-einsiedlerische, teils von den Schrecken des Krieges bestimmte Jugend, die Grimmelshausens eigene war, und der Zeit seines Lebens dieser Herkunft wegen und dem Mangel einer formalen, kontinuierlichen Bildung, stets um die Anerkennung in den Kreisen des Adels und in der Gelehrtenwelt rang.

IV. Literaturverzeichnis

Feldges, Mathias: Grimmelshausens Landstörzerin Courasche.
Eine Interpretation nach der Methode des vierfachen Schriftsinnes.
Bern 1969. (=Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur 38).

Grimmelshausen, Johann Jacob von, Simplicius Simplicissimus, Insel Taschenbuch.

ders., Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche
Hrsg. von Klaus Haberkam und Günther Weydt. Reclams Universalbiblithek 7998.

Streller, Siegfried: Grimmelshausens Simplicianische Schriften.
Allegorie, Zahl und Wirklichkeitsdarstellung. Berlin 1957
(=Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft 7).


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