Elisabeth

Elisabeth, eine brandenburgische Prinzessin als Herzogin von Calenberg-Göttingen während ihrer vormundschaftlichen Regentschaft 1540-45.

Zum Verständnis der Ausführungen über den hier beschriebenen Lebensabschnitt in der Biographie der Herzogin von Calenberg-Göttingen sind zunächst einige allgemeine Betrachtungen über die frühneuzeitliche Herrschaftsverfassung im Hinblick auf die Geschlechterordnung anzustellen.

Die Stellung der adeligen Frauen im Territorialgefüge der Reformationszeit berührt drei wichtige Aspekte: Die Ungleichheit in der jeweiligen Bedeutung, d. h. der Wertung von Männern und Frauen innerhalb der Gesellschaftsordnung, die Zugehörigkeit zum Stand und die tatsächliche Rechtsposition der Frau etwa als volljährige unverheiratete Tochter oder als Ehefrau und Witwe.

Die Schwierigkeit, öffentlich wirksames Handeln von Frauen in dem von Männern geschaffenen Rahmen für die historische Frauenforschung zu rekonstruieren, liegt darin, daß Frauen wegen ihrer Geschlechtszugehörigkeit als nachrangig eingestuft waren, und demzufolge nur wenige schriftliche Äußerungen sowohl von ihnen als auch über sie vorhanden sind

Die Einstellung über den Geschlechtscharakter, der dem Mann die Kompetenz für "analytischen Verstandesgebrauch", der Frau hingegen komplementär "intuitive Ganzheitserfassung" zuspricht ist jedoch auch hier schon sichtbar. Sie zugunsten einer eher diskursiven Betrachtungsweise aufzugeben, dahingehend, daß die bisher nicht wahrgenommenen Handlungsspielräume und Wirkungsmöglichkeiten von Frauen aufgespürt werden, wirft eben die bekannten Probleme der einseitigen in der Geschichtswissenschaft etablierten Formen des historischen Denkens auf, etwa die des Fehlens schriftlicher Äußerungen des weiblichen Geschlechts, da Frauen selten als Hauptakteure im politischen, militärischen und ökonomischen Leben auftraten.

Frauengeschichtsschreibung hat es zwar seit der Antike gegeben, jedoch wurden die weiblichen Aktivitäten zumeist aus dem historischen Zusammenhang gelöst und isoliert von Männern behandelt, ohne auf die Bedeutung von Geschlechterrollen im gesellschaftlichen Leben einzugehen. Und diese Geschichtsschreibung erfolgte in der Regel von Männern. Da es ohnehin grundsätzlich keine rein objektive Beschreibung der Ereignisse und noch viel weniger der handelnden Personen geben kann, kommt hier außerdem noch die mehr oder weniger unverhüllt zutage tretende Einstellung gegenüber dem anderen Geschlecht zum Tragen.

Hier eine neue Perspektive in der Geschichtsbetrachtung zu finden, bedeutet, daß die bisher geltenden Wertmuster, die sich auf die Wahrnehmung von Strukturen und politischen Prozessen, hier hauptsächlich die der militärischen Auseinandersetzungen ausrichtet, sich dahingehend ändern, daß Frauen in ihrem Wirken innerhalb der sozialen Beziehungen in der Gesellschaft und ihrer Zeit betrachtet werden.

Zum anderen hat die geschichtliche Entwicklung, das Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 und die "vorausgegangene Auflösung und Umwandlung, die Säkularisierung und Mediatisierung der geistlichen Herrschaften und Territorien" zur Folge gehabt, daß das Wissen um legitime Herrschaftsausübung von Frauen des Ancien Regime verlorenging. Bis dahin war die Herrschaft adeliger Frauen als Regentinnen in deutschen Territorien und Äbtissinnen in Frauenklöstern selbstverständlich

Die moderne stereotype Vorstellung von einem "dichotomischen" Standpunkt aus, d. h. mit seinem zweigeteilten Gattungsbegriff, ist zu überwinden zugunsten eines neuen Verständnisses der Ordnung der Geschlechter innerhalb der gesellschaftlichen Machtverteilung. Auch die Trennung nach "öffentlichem und privatem Bereich" ist eine heutige Betrachtungsweise. Es gab in der Frühen Neuzeit keine öffentliche Sphäre im Sinne eines getrennten Bereichs von der Privatsphäre, wenngleich erstmals das "Private" in Form eines etablierten individuellen Gewissens in der Reformation auftaucht.

In der Reformation mit ihrer sozialen Emanzipationsbewegung fanden Frauen wie Elisabeth von Calenberg-Göttingen (1510-1558) und das besonders auch als vormundschaftliche Regentin einen Handlungsraum vor, den sie auf Grund besonderer administrativer Fähigkeiten und der familiären Konstellation politisch erweitern konnten.

Elisabeth, Tochter des Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg, wurde 1525 im Alter von 15 Jahren mit dem 40 Jahre älteren Herzog Erich I. von Calenberg-Göttingen verheiratet. Es waren ausschließlich dynastische Gründe, die diesen Ehevertrag durch die männlichen Verwandten zustande kommen ließ. Adelige Frauen waren Heiratsobjekte, die als ledige Frauen der "Munt" des Vaters oder eines anderen männlichen Verwandten unterstanden. An die Stelle der "Munt" als eines ursprünglich mittelalterlichen Gewaltverhältnisses war zu Beginn des 16. Jahrhunderts - von Juristen, Theologen und Staatstheoretikern neu definiert - die cura sexus (sog. Geschlechtsvormundschaft) getreten, die über die Befugnisse einer Beistandsschaft nicht hinausging. Im Falle einer Heirat wurde sie als cura maritalis von dem angetrauten Ehemann ausgeübt Durch die in adeligen Kreisen geschlossene Ehe entstand eine neue Machtbeziehung zwischen den Herrscherhäusern, die weitergehende politische und ökonomische Aktionen und Verbindungen unterstützte, Nachwuchs aufzog und damit zur Aufrechterhaltung und Erweiterung von Herrschaft beitrug.

Am Hofe ihres Vaters war Elisabeth erstmals mit der evangelischen Reformation in Berührung gekommen, als ihre Mutter 1527 die Kommunion in beiderlei Gestalt zu sich genommen hatte. Als ihrem Gatten, dem Kurfürsten Joachim I. bekannt wurde, daß sie im Begriff stand, zum Luthertum überzutreten, gab er ihr 6 Monate Zeit, zum katholischen Brauch zurückzukehren.. Der Fall erregte Aufsehen; sogar die Wittenberger Theologen schalteten sich ein, indem sie Joachim ermahnten, er möge nicht das Gewissen und die Gedanken seiner Frau zu beherrschen suchen. Sie erinnerten ihn daran, daß er während längerer Zeit nicht nur nicht mit seiner Gattin zusammengelebt, sondern sie mit mehreren anderen Frauen betrogen und somit Ehebruch begangen hätte. Diese Betrachtungsweise im Hinblick auf individuelle Freiheit war neu durch die Lösung der Kirche aus der Amtsgewalt des Papstes, welche Luther vollzogen hatte. Sie betraf vor allem das religiöse Gewissen, welches nur sich selbst vor Gott zu verantworten hatte und als Mittler keinen Priester mehr bedurfte.

Jedoch waren Frauen weiterhin "unmündig" - sie konnten und durften nicht selbst für sich sprechen; sondern hatten dem nächsten männlichen Verwandten oder einem anderen Manne zu gehorchen, die zumeist für sie handelten. Im Falle der Eltern der jungen Elisabeth bewirkte die Untreue des Fürsten die Hinwendung seiner Frau zum lutherischen Glauben. Bei einer dem eigenen Seelenheil und der Freiheit des Gewissens eher entsprechenden Lehre hoffte sie Zuflucht zu finden, trotz weiterhin allgemein geduldeter Mätressenwirtschaft. Die Drohungen des Kurfürsten, "er würde sie einmauern lassen" veranlaßten sie zur Flucht. Mehrere Jahre hindurch hielt sie sich an verschiedenen Orten auf, bis sie schließlich Beistand bei ihrem Onkel, dem sächsischen Kurfürsten, fand, von dem sie das nahe Wittenberg gelegene Schloß Lichtenberg als Wohnsitz erhielt.

Die neue Lehre war anziehend für Frauen, weil diese ihnen größere Unabhängigkeit und gerechte christliche Neuregelungen beim Kampf um Herrschaft und Einfluß zu versprechen schien. Es entstanden neue, persönliche, wirtschaftliche, soziale und politische Spielräume für Männer und Frauen. Doch obwohl der christlichen Religion mit ihrer Neuordnung die sittliche Gleichstellung der beiden Geschlechter in der Ehe zu verdanken war, postulierte sich auch hier wieder eine Differenz, dahingehend, daß weibliche Frömmigkeit, die ohnehin nur dem "Gefühl" zugeordnet wurde, als Unterordnung, Demut, Geduld im Ertragen von Ungerechtigkeit und Leiden im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit im Jenseits angesehen und verlangt wurde.

Elisabeth, die Tochter, war im Zwiespalt zwischen ihrem humanistisch gebildeten, jedoch streng katholischen Vater und ihrer vom evangelischen Glauben durchdrungenen Mutter erzogen. Sie hielt sich zunächst auf der katholischen Seite ihres Gemahls, Erich von Calenberg-Göttingen. Als sie jedoch auf Schloß Lichtenberg erstmals mit Luther zusammentraf, beeinflußte sie diese Begegnung sehr stark, obwohl sie ihm gegenüber zunächst mit Skepsis erfüllt war. Sie wandte sich der Reformation zu.

Die Ehe mit dem Göttinger Herzog verlief trotz des großen Altersunterschiedes für damalige Verhältnisse gut. Erich war seiner "lieben Ilse" sehr zugetan und zeigte sich in vielerlei Hinsicht sehr nachgiebig seiner Gattin gegenüber. Zum einen verwehrte er ihr den Übertritt zum evangelischen Glauben nicht. Da sie ihn an der "Ausübung seiner Religion nicht hindere, wolle er ihr auch die ihre lassen". Er selbst fand sich "zu alt, um sich damit herumzuplagen, herauszufinden, was wahr und was falsch sei. Er wolle lieber in dem Glauben sterben, worin er getauft wurde und der vom Kaiser vertreten würde, dessen Vasall er sei, und dem er zu Gehorsam verpflichtet sei"

Er gab sogar ihr zuliebe zunächst die Beziehung zu seiner langjährigen Mätresse auf, die er seit dem Tode seiner ersten Frau unterhalten hatte. Als er nach der Geburt des vierten Kindes jedoch versuchte, die Beziehung wieder aufzunehmen, zeigte ihm Elisabeth, daß sie ernst genommen werden wollte. Sie nahm die Hexenverfolgungen im Territorium zum Anlaß, der "Buhle die Hexeninquisition" auf den Hals zu hetzen.

Der Hexenprozeß wirft ein Licht auf die soziale Konfliktsituation, der sich Frauen im 16. Jahrhundert ausgesetzt sahen. Die Vorstellungen über Zauberei und Magie und der dadurch angeblich herbeigeführte Schaden - in diesem Fall sollte die Mätresse Eva Rumschottel Schuld an Elisabeths Erkrankung im Kindbett sein - täuschen nicht darüber hinweg, daß es sich um existentielle Interessen der beteiligten Frauen handelte. Es ging hier um die Verteidigung der Ehre und des guten Rufs, um die Belange der Kinder und die des Ehemannes. Die Fürstin hatte offensichtlich, ebenso wie die Mätresse, keine Instanz, bei der sie Anklage erheben konnte. Und so verfiel Elisabeth auf den Ausweg, die Rumschottel zu beschuldigen, sie hätte ihr aus Rachebedürfnis Schaden zugefügt. Sie ließ sie im Verlauf der Prozesses bis auf hessisches Gebiet verfolgen, wohin sie geflohen war, bis schließlich der Landgraf Philipp von Hessen zur Mäßigung rief. Der Herzog scheint nicht für seine Mätresse eingetreten zu sein; er gab schließlich nach, da er die Ehe nicht aufs Spiel setzen wollte. Als Gegenleistung drang seine Frau dann darauf, daß ihr das umfangreiche Amt Münden als Residenz gegen Calenberg zugesprochen wurde. Hier baute sie eine wohldurchdachte Hofhaltung auf, an der sich Erich, wenn er zu Besuch kam, erfreuen durfte.

Elisabeth kam hier die Aufwertung der Ehe durch die Reformation zugute, nachdem diese ein Teil der Schöpfungsordnung und von Gott eingesetzt war. Die Ehe war innerhalb der christlichen Kirche zweckbestimmt. In Luthers Theologie und Rechtslehre sollte diese Auffassung eine zentrale Stellung einnehmen. Die Frau wird zur "Gefährtin" des Mannes, sie steht seinem Hausstand vor, hat weiterhin Schlüsselgewalt, ohne daß jedoch der Herrschaftsanspruch des Hausvaters aufgegeben wird. Die "Leibfeindlichkeit" des Mittelalters wird verworfen, die Sexualität nicht länger als Sünde angesehen; Mann und Frau sollen in gemeinsamer Verantwortung am kirchlichen Leben teilnehmen.

Bevor die historischen Ereignisse weiterverfolgt werden, einige Bemerkungen über die sozialen Verhältnisse am Hofe eines Kleinstaates: Im Gefüge der Territorialordnung war die Stellung der Fürstin zunächst durch die Aufgaben bestimmt, die sie als Gemahlin des Landesherrn zu erfüllen hatte. Ihr oblag die Sorge für die Hofhaltung; sie stand an der Spitze des fürstlichen Haushaltes und besaß gegenüber den ihr zugeordneten Hofbeamten ein Weisungsrecht. Den Rang, den die Fürstin an der Seite ihres Gemahls vor den übrigen Mitgliedern des Hofstaates einnahm, entsprach nicht nur einer reinen Ehrenstellung, vielmehr verpflichtete er gleichzeitig zu einer wichtigen Aufgabe: Zur Aufsicht über einen Teil der Hofhaltung.

Beim Aufzeigen der verschiedenen Bereiche der territorialen Hofverwaltung ist zwar ersichtlich, daß die Frau am frühneuzeitlichen Hofe mit den "weniger wichtigen" Aufgaben, wie der Erziehung der Töchter, der Aufsicht über das Gesinde und die Pflege der verwandtschaftlichen Beziehungen betraut war, doch wurde diesen Tätigkeiten keine besondere oder zumindest weniger wichtige Bedeutung beigemessen. Daß sich hierbei gerade auch Möglichkeiten der Einflußnahme von besonderer politischer Tragweite eröffnen konnten, wird wohl oftmals vergessen oder verkannt.

Die Nähe zum Landesherrn, die Oberaufsicht über den fürstlichen Haushalt und die Einbeziehung in die Verwaltung der Hofgüter verliehen der Fürstin zwar keine Regierungsbefugnisse, aber sie ermöglichten ihr angesichts der engen Verflechtung von Territorial- und Hofverwaltung doch politisch wirksames Handeln. Inwieweit der Einfluß der Fürstin über den Hof und die fürstliche Familie hinausging und nicht nur indirekt auf die Regierungsgeschäfte einwirkte, sondern zu einem anerkannten Faktor der Politik und der fürstlichen Herrschaft werden konnte, war jedoch nur bedingt verfassungsmäßig garantiert; er blieb Elisabeth als Persönlichkeit überlassen.

Ihrem Übertritt zum "evangelischen Lager" lag einerseits echte religiöse Überzeugung zugrunde, andererseits war er ein politisches Mittel, um Verbündete in Hessen, Lüneburg und Sachsen gegen den Nachbarstaat Wolfenbüttel zu gewinnen, dessen Herzog, Heinrich der Jüngere, der außerdem ein Neffe ihres Mannes war, danach trachtete, das ehemals von den Brüdern — also seinem Vater Heinrich d. Älteren und Erich I. - geteilte Territorium wieder zu vereinen und sich an die Spitze zu setzen. Gegen die Übergriffe Heinrichs hatte sich Calenberg von jeher zur Wehr setzen müssen. Dieser sah sich indessen als einzig legitimen Nachfolger und schien zudem ein Garant des Katholizismus im Norden Deutschlands zu sein und erhielt bei seinen Bestrebungen Rückendeckung vom Kaiser. Die neue Ehe seines Onkels Erich war ihm ein Dorn im Auge, und erst recht waren Elisabeths evangelische Neigungen dazu angetan, seine Ziele noch rigoroser zu verfolgen.

Als Elisabeth für den erblichen Nachwuchs sorgte und ihrem Gatten einen Sohn und drei Töchter "schenkte", sah er die Möglichkeiten einer Übernahme der Regierungsgewalt schwinden. So versuchte er Einfluß auf die Errichtung des Testaments von Erich zu nehmen und drängte ihn, dem Nürnberger Bund beizutreten, der als Gegenpol zum Schmalkaldischen Bund der evangelischen Fürsten gegründet worden war. Seine Bestrebungen waren jedoch weniger in konfessionellen als in dynastisch-territorialen Interessen begründet.

Erich, der zwar katholisch war, zögerte, eindeutig Stellung zu beziehen, und wollte seine traditionelle Gleichgewichtspolitik nicht aufgeben. Zu diesem Zeitpunkt trat Elisabeth zum evangelischen Glauben über und wandte sich auch an ihren Bruder Joachim um Hilfe, der allerdings eine auf Vermittlung angelegte Versöhnungspolitik beim Kaiser verfolgte.

Wie die meisten Fürsten in Mittel- und Norddeutschland befand er sich, was die religiöse Zughörigkeit betraf, in einer Übergangsphase. Zunächst noch Gegner der Lutherischen Reformation und katholisch wie ihre Väter, sahen einige mit einem Übertritt den Vorteil darin, sich vom Kaiser zu lösen und mehr Selbständigkeit zu erlangen Auch Landgraf Philipp von Hessen, zu dem man nachbarschaftliche Beziehungen pflegte, zeigte sich dieser Möglichkeit gegenüber offen. Er wies Joachim in einem eigenhändigen Schreiben daraufhin, daß Herzog Heinrich von Braunschweig Erich in das Nürnberger Bündnis ziehen wolle, um Uneinigkeit zwischen Elisabeth und Erich zu stiften. Der Kaiser selbst hielt sich zurück, da er wegen der Türkengefahr und den sich anbahnenden friedlichen Beziehung zu Frankreich eines guten Verhältnisses zu den Protestanten bedurfte.

Doch das Mißtrauen in beiden Lagern war ständig gewachsen und auf beiden Seiten wurde gerüstet. Heinrich drang mit Landsknechten auf Göttinger Gebiet vor. Der Landgraf bot Hilfe an. Eine Entspannung der Lage trat 1539 ein, als der Abschluß der von Kurfürst Joachim angeregten Friedensverhandlungen zwischen dem Kaiser und den Protestanten, "der Frankfurter Anstand" den Ausbruch des Krieges verhinderte.

Heinrich betrieb jedoch weiterhin die Konstituierung des Bündnisses, zu dessen Beitritt Erich jedoch immer noch zögerte. Auch Joachim und Elisabeth rieten dringend ab, denn es sei offensichtlich, daß nicht die Verteidigung der wahren christlichen Religion Heinrich und seine Bundesgenossen bewegte, sondern eigennützige Gründe vorlagen. Erich wurde nun in eine sehr zwiespältige Lage gebracht; er entschloß sich daher zu einer Reise zum Kaiser. Nur seine Erkrankung und sein darauffolgender Tod ersparte ihm die Siegelung des Vertrages.

Nach dem Tode des Landesherrn schlug die Stunde der Witwe und Mutter, denn ihr bot sich die Gelegenheit, die alleinige Sorge für ihr Kind, den Thronfolger, und damit stellvertretend für diesen, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Die Verhältnisse gestalteten sich in einem solchen Fall sehr kompliziert, da die rechtliche Stellung der Frau nur sehr ungenau umrissen war: Nach der waltenden Herrschaftsauffassung konnte nur derjenige Landesherr sein, der alle Herrscherpflichten - besonders im Bereich der Rechtspflege und des Kriegswesens - voll und ganz zu erfüllen vermochte. Vom Prinzip her gab es keine Regentschaft für Elisabeth, denn es galt die männliche Erblinie.

Der Witwe und Mutter blieb jedoch genügend Spielraum, die sich ihr bietende Position auszubauen. Elisabeths Ambitionen gingen eindeutig in die Richtung der Alleinherrschaft über das Territorium, wenngleich auch lediglich als Übergangslösung bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes. Sie konnte und wollte die ihr sich bietende Stellung ausfüllen, wobei eine besondere Triebkraft die Einführung der Reformation war.

Da Erich d. Ä. offensichtlich die Talente seiner Gemahlin bereits früher erkannt hatte und er sich auch selbst von seinem Neffen bedrängt fühlte, setzte er sie in seinem Testament als Vormünderin ein. Weil er jedoch den Herzog von Braunschweig nicht umgehen konnte, hatte er ihm eine eingeschränkte Mitvormundschaft einräumen müssen. Doch durch eine Klausel im Testament sollte Heinrich die Vormundschaft erst dann voll wahrnehmen dürfen, wenn bestimmte Grenzstreitigkeiten im Harzgebiet bereinigt seien.

Heinrich war jedoch nicht geneigt, sich auf die Regelung von Grenzstreitigkeiten — es ging um die wirtschaftlich wichtigen Erzbergbaugebiete um Goslar - einzulassen, sondern betrieb beim Kaiser Elisabeths Absetzung. Normalerweise konnten die Erbansprüche eines von seinem Vater zur Übernahme der Landesherrschaft bestimmten Nachfolgers von keinem anderen Prätendenten angefochten werden.

Heinrich jedoch wollte das Testament jedoch nicht anerkennen und betrieb eine Politik der völlig autogenen Herrschaft. Er hielt seinen sippenrechtlichen Anspruch aufrecht, wonach dem nächsten männlichen Verwandten, dem "Schwertmagen", die Vormundschaft zustand und nicht der Mutter, eine seit dem Mittelalter geltende Rechtsauffassung. Zum anderen warf er Elisabeth den Verstoß der Einführung der neuen lutherischen Religion vor, ein Argument, von dem er sicher war, daß es beim Kaiser wirken würde.

Zunächst jedoch erlangte das Testament seine Gültigkeit. Der Fürstin wurde an der "Seite" ihres Sohnes nur das zugebilligt, was sie als Teilhaberin der Herrschaftsgewalt bei ihrem Mann besessen hatte. Sie blieb berechtigt, die "Hausherrschaft" so lange fortzuführen, bis ihr Sohn nach Erreichen der Altersgrenze selbst mündig geworden war. Alle öffentlichen Funktionen blieben während dieser Jahre zumindest formal ihrem Sohn vorbehalten. Regentschaft, das bedeutete die tatsächliche Führung der Regierungsgeschäfte, nicht jedoch in offizieller Stellvertretung des unmündigen Herrschers. Das politische Wirken Elisabeths war zwar allenthalben spürbar, fand jedoch nur mittelbar formalen Niederschlag in den offiziellen Dokumenten.

Elisabeth, bereits von frühester Jugend an am Hofe ihres Vaters mit administrativen Aufgaben in Berührung gekommen, konnte diese Kenntnisse und Erfahrungen am Hofe ihres Gemahls erweitern, der oft abwesend war. Dabei erhob sich sogleich die Frage, inwieweit eine Frau und sei es auch eine Adlige, auf Grund ihres Geschlechts auch wirklich in der Lage sein könnte, die Macht auszuüben.

Beim Tode ihres Gemahls war Elisabeth in zweifacher Hinsicht mit dieser Frage konfrontiert: Einmal in der Übernahme der politischen Macht als Regentin für ihren Sohn, zum anderen als eine Art "Notbischof" bei der Auflösung der alten Kirche, bei dem die einzelnen Kirchengemeinden in Augenschein genommen und die Pfarreien neu besetzt wurden.

Teresa Bailey diskutiert dieses Problem an Darstellungen über die Rolle der Frau in der Renaissance. Diese basieren auf Gemeinplätzen bei Plato, Aristoteles und Plutarch. Aristoteles räumt den Frauen keinen Platz in der Politik ein, während Plato wenigstens eine Mitwirkung ("equal participants in governing") zuläßt, dieses aber nur im Notfall, da Frauen in Fragen der "Besitz- und Machtergreifung" keine Führungsqualitäten aufweisen würden.

Elisabeth war starken Reaktionen gegen ihre Regentschaft ausgesetzt. Das, was normalerweise ohne Frage, Für und Wider einem Mann zugestanden war, wurde indessen hier als Ausnahmesituation angesehen. Die Gründe, die es für eine Frau rechtfertigten, die politische Macht zu übernehmen, wurden untersucht, und sie mußte es hinnehmen, daß ihre "Legitimität", ihre Leistungsbereitschaft und Integrität in Frage gestellt zu sehen. Einige der Tugenden, die auch von männlichen Regenten erwartet wurden, zeichneten ohne Zweifel auch Frauen aus: Pflichtbewußtsein, Treue, Mäßigung, Abstinenz, Keuschheit, Einfachheit, Mäßigkeit und Milde. Aus diesem Grunde war es an sich kein großes Problem für Frauen und Töchter von "Regenten", sich wie ihre Männer oder Väter zu verhalten. In dieser Hinsicht wurde die Frage zunächst auf der Basis der Abstammung behandelt.

Im Falle der alleinigen Übernahme der vormundschaftlichen Regentschaft wurden jedoch Zweifel an ihren Fähigkeiten zur Verwaltung des Fürstentums erhoben und vor allem, was die Frage der Religion anbetraf, die im Gegensatz zu der des katholischen Reiches stand. Herzog Heinrich brachte gegenüber dem Kaiser in verleumderischer Form vor, sie beabsichtige, die Reformation einzuführen, und sich mit anderen norddeutschen Fürsten gegen den Kaiser zu verbünden. Er benötigte den Befehl des Kaisers, dann wolle er dafür sorgen, daß das Land ohne Aufruhr und Empörung bei der alten Religion bleibe. Er hoffte auch, daß er dann vom Kaiser als Haupt des christlichen Bundes und der anderen Bundesgenossen nicht im Stich gelassen werde, wenn ihm bei den "Maßregeln" etwas Beschwerliches widerfahre.

Als Herzog Erich starb, befand sich Elisabeth als 30jährige Witwe mit ihren vier Kindern in einer beschwerlichen Lage. Ihr Gatte hatte ihr vor allem Schulden hinterlassen. Die Trauerbotschaft hatte Elisabeth in einem Zustand der Hilflosigkeit infolge einer heftigen fieberhaften Erkrankung getroffen, unter der zeitweise auch ihr Sohn litt. Erich erfuhr zuvor noch von ihrer Erkrankung denn Heinrich teilte ihm sogar fälschlicherweise mit, sein Sohn Erich sei zur Erziehung in der neuen Lehre zu seinem Onkel, dem Kurfürsten von Brandenburg verbracht worden. Dieses geschah in der Hoffnung, Erich zu einer Änderung seines Testamentes zu bewegen. Dieser äußerte sich daraufhin jedoch nur zweideutig: "Gott der Allmächtige wird es wohl zu schicken wissen".

Die Testamentseröffnung ging wegen der Erkrankung Elisabeths ohne ihre Mitwirkung vor sich. Zugegen waren die Räte Erichs, ein Kanzler, Pröbste, der Lehrer des jungen Herzogs, der Hofmarschall, der Hofmeister, zwei Bürgermeister und ein Notar.

Elisabeth konnte nun mit Hilfe des Landgrafen daran gehen, ihre Herrschaft zu übernehmen und diese zu festigen. Auf einem auf der Erichsburg stattfindenden Treffen mit Philipp, bei dem auch Joachim zugegen war, einigte man sich offiziell über die Form der Administration. Neben einem größeren Regierungsausschuß war ein engerer Ausschuß bestehend aus Prälaten, Adel und gemeiner Landschaft zur ständigen Administration vorgesehen, der neben Elisabeth und dem Kanzler im Einvernehmen mit den Vormündern tätig sein sollte.

Heinrich wurde von der Testamentseröffnung und der ihm zugedachten eingeschränkten Vormundschaft offiziell zunächst nicht unterrichtet. Er war an einer derartigen Vormundschaft auch gar nicht interessiert. Sein Ziel war die völlige Ausschaltung Elisabeths an der Regentschaft im Territorium, und er hatte dieses ja dem Kaiser in geeigneter Form wissen lassen. Er bot ihr eine "Unterbringung und Versorgung auf der Basis ihrer Mitgift" an um sie von der Einflußnahme auf die Regierungsgeschäfte am Hofe fernzuhalten.

Elisabeth war nicht geneigt, auf einen derartigen Schlichtungsvorschlag einzugehen, in der ihre eigene Autorität und die Rechte ihrer Kinder zum Einsatz gebracht werden sollten. Hätte sie namentlich ihre "Regentschaft" eingesetzt, bevor ihr mächtiger Bruder Joachim in die evangelische "Sache" eintrat, hätte Heinrich leichter mit dessen Hilfe eine derartige Regelung betreiben können.

Die Fürstin hielt sich an das Testament, obwohl sich die Frage zu erheben schien, ob es überhaupt Gültigkeit erlangen würde. Bei der Zusammensetzung des Rates und der Kanzlei mußte man sich der Zustimmung der Mitglieder sicher sein. Einige schienen eher Herzog Heinrich zugeneigt zu sein. Es war nicht möglich, diesen oder jenen seines Amtes zu entheben. Elisabeth war auf die vorhandene Kanzlei angewiesen; sie suchte sie durch energisches Vorgehen auf ihre Seite zu ziehen, was ihr wegen der abwartenden Haltung der meisten Ratsmitglieder auch gelang.

Es kam jedoch darauf an, die herzoglichen Räte, die Vertreter der Stände und der Landschaft zum Treueid zu verpflichten, bevor Herzog Heinrich, mit dessen Störungen und Eingreifen gerechnet wurde, sich an diese wenden konnte. In der Tat hatten einige der Räte Heinrich nicht nur den Tod ihres Herrn mitgeteilt, sondern ihn gebeten, ihre Herrschaft mit Land und Leuten in seinen Schutz zu nehmen.

Der Landgraf war in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Neben guten Ratschlägen und Warnungen an Elisabeth hatte er Gesandte an sie abgeordnet, die mit den Räten verhandelten. Heinrich versuchte indessen, entgegen den testamentarischen Bestimmungen sich die alleinige Vormundschaft durch den Kaiser übertragen zu lassen. Er ignorierte nach wie vor die Existenz eines Testaments, um dann nach dem geltenden Recht die gesetzliche Erbfolge antreten zu können, auf die er ja auf Grund seiner Blutsverwandtschaft Anspruch zu haben glaubte. Er wandte sich wiederum an Karl V. und schlug vor, um den Schein zu wahren, Kurfürst Joachim als zweiten Vormund zu benennen und stellte die Notwendigkeit einer solchen Regelung erneut heraus, indem er den Bestand der alten Religion im Herzogtum gewährleisten müsse. Er bat den Kaiser um die Ausstellung eines Vormundschaftsbriefes und er möge auferlegen, daß das Nürnbergische Bündnis, daß ja vom alten Erich, wie der Kaiser wisse, noch angenommen, im Namen des Sohnes zu erneuern sei.

Da er hoffte, vom Kaiser mit dieser entsprechenden Stellung beauftragt zu werden, sah er einstweilen noch von einem direkten Eingreifen ab. Er wollte sich nicht mit einer "Mitregentschaft begnügen". Dieses Vorgehen des Alles oder Nichts ging indessen nicht auf; er erreichte sein Ziel nicht, denn der Kaiser war zu einer Politik der Rücksichtnahme gegenüber den protestantischen Fürsten gezwungen und befand sich in Ausgleichsverhandlungen mit dem Landgrafen. Heinrich wurden die bereits ausgefertigten Vormundschaftsbriefe erst einmal nicht ausgestellt. Die Ange- legenheit wurde König Ferdinand übergeben.

Für Elisabeth war es von vornherein schwierig, da sie in jedem Fall vor bestimmten Handlungen zunächst den Vormundschaftsrat konsultieren mußte. Standen Entscheidungen an, so hatte sie den Rat oder sogar die Erlaubnis Philipps oder ihres Bruders Joachim einzuholen. Für Elisabeth, die die Angelegenheiten des Fürstentums selbst ordnen wollte, kam die doch sehr weite Entfernung der einzelnen Höfe untereinander und die Beschwerlichkeit des Reisens zu dieser Zeit zu Hilfe.

Sie zögerte nicht, vieles selbst zu entscheiden, was ihr jedoch zur Last gelegt wurde. Man mißtraute ihr nur allein aufgrund der Tatsache, daß sie eine Frau war. Bei der Reichsversammlung und beim Kaiser war sie auf die Vertretung ihrer Vormünder angewiesen. Aber selbst ihr Bruder verwandte sich für ihre Interessen eher nach seinem Gutdünken. Beim Kaiser beschwerte sich Elisabeth dar- über, daß sie zu den nächsten Reichstagen keine Einladung erhielt.

Elisabeths Abwehrpolitik gegenüber den Machtansprüchen Heinrichs d. J., der im Norden als einziger katholischer Herzog dem Kaiser und seiner Politik nahestand, kam den Interessen des Landgrafen entgegen, da auch dieser sich vor allem wegen der Religion mit Heinrich von Braunschweig entzweit hatte. Ebenso begegneten und ergänzten sich ihre beiderseitigen evangelischen Neigungen. Wie der evangelische Landgraf politische Stütze war gegenüber dem katholischen Welfenherzog, so mußte die evangelische Lehre den Freiraum gewähren gegenüber einem durch das Beharren bei der katholischen Lehre bedingten Bündnissystems in Verbindung mit der Reichspolitik, in die wiederum geschickt sich einzufädeln zur Verhinderung von Schaden Elisabeths wie Philipps Anliegen war.

Gegenüber dem Kaiser gab ihr Philipp das Motiv der armen Witwe an die Hand, "die ihrer Freunde Rat gebrauchen müsse". Der Landgraf beriet sie gegen Heinrich zu ihren und zu seinen Gunsten. Bei den Landständen setzte er sich hinsichtlich der Besteuerung und der Abtragung von Schulden für sie ein. Auf dem Landtag zu Pattensen 1541 wurden ihr schließlich die Vormundschaft und die Regentschaft zugebilligt. Hier war auch die Stimmung zugunsten Elisabeths umgeschlagen, denn die Absichten des Herzogs von Wolfenbüttel traten bald klarer zutage; auch fürchtete man seine tyrannisch ausgeübte Herrschaft.

Vor allem aber konnte Elisabeth 1538 nach ihrem Übertritt zum evangelischen Glauben mit Hilfe der beiden Reformatoren Antonius Corvinus und Urbanus Rhegius für ihre Untertanen die Reformation einführen. Im Fürstentum Calenberg-Göttingen war die Hinwendung zur neuen Lehre - wie in den meisten anderen norddeutschen Territorien - zuerst in den größeren Städten erfolgt. Bereits in den 30iger Jahren hatten die Städte Göttingen, Hannover und Northeim eine von ihnen selbst konstatierte Kirchenordnung gegenüber dem Landesherrn durchgesetzt. Das Erreichte war das Ergebnis einer demokratischen Bewegung aus den Zünften und Gemein- den heraus gegen den herrschenden Magistrat und die Patrizier-Geschlechter gewesen. Die mehr oder weniger gewaltsamen Ausbrüche waren auch von politischen und wirtschaftlichen Motiven durchsetzt gewesen.

Einer landesherrlichen Kirchenreformation stand man hier jedoch mit Mißtrauen gegenüber, da eine Steigerung der Ansprüche der Landesherrschaft befürchtet wurde. Auch außerhalb der Städte kam es wegen Steuerexekutionen zu Zusammenrottungen und Aufruhr. Der Landadel verhielt sich zunächst kritisch und abwartend gegenüber einer religiösen Bewegung, denn diese konnte ihm vielleicht Ein- bußen und der Landesherrschaft dagegen Stärkung ihrer Macht bringen. Auch zeigte man wenig Neigung, die Klöster aufzugeben, die teilweise der Versorgung der Töchter diente, die nicht ver- heiratet werden konnten.

Ein anderes Bild ergab sich bei den geistlichen Organen. Der niedere Klerus und die Laien hatten sich unter der Einwirkung reformatorischer Ideen der erzbischöflichen Diözesangewalt entzogen und leisteten keine Zahlungen mehr, auch wenn ihnen Strafgelder drohten Die kirchliche Obrigkeit und ihre Einrichtungen lösten sich gleichsam von innen her auf; die alte Kirchenverfassung war zu Fall gebracht. Doch für die Aufrichtung einer neuen Ordnung zeigte sich das Land als Ganzes indifferent und überließ sie dem Belieben der weltlichen Obrigkeit.

Bereits nach ihrem Übertritt versuchte die Herzogin in einem geheimen Abkommen mit den Pfarrern in Neustadt und Wunsdorf eine evangelische Gottesdienstordnung aufzustellen, doch gestattete der Herzog seinerzeit noch keine unbeschränkte Einführung der neuen Formen. Erst 1541 auf den Landtagen, als Elisabeth durch geschicktes Verhandeln erreichte, daß die Landstände ihre vormundschaftliche Regentschaft anerkannten, war die Rechtsgrundlage für die geplante Reform geschaffen. Sie vermied es jedoch zunächst, auf die eindeutigen Absichten ihrer Religionserneuerung hinzuweisen. Nach dem Versprechen auf die Erfüllung ihrer Regentenpflichten und der Achtung der landschaftlichen Privilegien und in der anschließenden Gegenforderung eines Treuegelöbnisses und der von der Landschaft übernommenen Gehorsamsverpflichtung konnte später eine Zustimmung zum Reformationswerk liegen.

Elisabeth wollte einerseits die Rechte der alten Stände schützen, andererseits erwartete sie auch "Treue und willigen Gehorsam der Landschaft gegen sich und ihren Sohn als von Gott ihnen verordnete und gegebene Obrigkeit". Sie war entschlossen, in den Verhandlungen die dauernde Rechtsgrundlage in der Religionsangelegenheit für alle weiteren Schritte zu schaffen.

Damit hielt sie sich innerhalb der von den Mitvormündern gesteckten Grenzen. Schwierig war indessen die Klärung der von ihrem Gemahl hinterlassenen Schuldbeschwerden. Sie erklärte sich bereit, der Landschaft über den bewilligten "sechzehnten Pfennig" oder einem Ausschuß Rechnung zu legen und sich mit diesem über die Frage der Schuldentilgung auseinanderzusetzen.

Sie verhandelte indessen mit Corvinus und Rhegius zur Ausarbeitung einer Kirchenordnung und unterbreitete auch den Mitvormündern ihre Absichten. Bevor die erstellte Kirchenordnung in Druck ging, sollten die Universitäten Wittenberg und Leipzig sie durchsehen, und auch der Kurfürst sollte sie erhalten, um seinerseits Verbesserungen anzubringen. Von diesem erhoffte sie sich auch in dieser Angelegenheit Schutz.

Auch ihren Räten wurden einige Artikel zur Begutachtung vorgelegt, in denen sie sie über die Einzelheiten des Reformationsvorhabens unterrichtete. Sie fand viel mehr Entgegenkommen, als sie erwartet hatte. Sie ließen sich die Förderung des Wortes Gottes und des Evangeliums, wozu Elisabeth sich schuldig bekannte, gefallen und zweifelten nicht an der Einführung, wenn die Ordnung durch gelehrte und erfahrene gottesfürchtige Männer durchgesehen und mit Rat der Herren und Freunde berichtigt und dann der "gemeinen Landschaft" durch Ausschreiben verkündigt würde. Ebenso wurde die Klosterordnung, die ebenfalls von Corvinus im Auftrag der Herzogin inzwischen ausgearbeitet war, von den Räten im wesentlichen gebilligt.

Das Werk der Reformer lag in der Theorie begründet; Luther ebenso wie Rhegius und Corvinus wollten das Evangelium lehren und predigen, und es war die Aufgabe der Fürsten, diese Lehren in soziale Reformen umzusetzen. Die Reformer waren darauf bedacht, diese Aufgaben den weltlichen Fürsten zu überlassen und sie mit ihren Predigten des "reinen" Worts zu begleiten.

Philipp und ebenfalls Joachim rieten Elisabeth indessen zur Vorsicht, da vom Kaiser eine Ermahnung drohte. Philipp gab ihr den Rat, sie möge dann darauf hinweisen, daß eine Notsituation vorliege, während der sie von ihren Untertanen um Abhilfe gebeten worden sei. Die Bischöfe seien säumig gewesen, hätten keine Prediger eingesetzt, ihre Ämter vernachlässigt, weswegen sie aus christlichen Beweggründen es nicht habe umgehen können, eine Religionsordnung und -erneuerung "Vff Ir vnderthenigs ersuchen" vorzunehmen und aufzurichten; sie wolle sich deswegen vor einem freien christlichen Konzil rechtfertigen.

Damit hatte sie fünf reichs- und kirchenrechtlich äußerst wichtige Argumente an der Hand, die die Stimmung auf höchster Ebene im Reich widerspiegelten und in etwa den schwerwiegenden Paragraphen 25 des Regensburger Reichsabschiedes von 1541 enthielt. Hier wurden allen geistlichen Prälaten befohlen, in ihren Gebieten eine christliche Ordnung und Reformation vorzunehmen. Der wichtigste Punkt war, daß Elisabeth diese Notsituation nicht von sich aus überbrücken oder auszunutzen versuchte, sondern von den Untertanen um Abhilfe gebeten worden war.

Obwohl die Herzogin diesen klugen Rat anzunehmen wußte, versuchte sie auch, ihre Selbständigkeit zu bewahren. Philipps Drängen, dem Schmalkaldischen Bund beizutreten, beantwortete sie mit einer ausweichenden Haltung. Einerseits wollte sie durch den Bund gedeckt sein, andererseits scheute sie sich, sich eindeutig festzulegen. Dabei folgte sie dem Beispiel ihres Bruders Joachim, der mit seinem Beitritt zum Bund ebenfalls zögerte und einen eher gemäßigten Kurs bei der Einführung der Reformation verfolgte.

Philipp sowohl als auch Joachim nahmen am Reichstag in Regensburg teil - Elisabeth hatte dort keinen Vertreter - und brachten dort die Calenbergische Vormundschaftssache vor. Elisabeth glaubte sich inzwischen durch ihren Erfolg beim Landtag 1541 in Pattensen, bei dem die Stände die Übernahme des Regiments bestätigten, in Sicherheit.

Bei seinem Aufenthalt in Hagen hatte Erich ein Kozidill zum Testament eingefügt, dahingehend, daß Kaiser und König die Obervormundschaft einzunehmen hätten. Hieraus sollten sich noch erhebliche Schwierigkeiten erwachsen. Für Elisabeth war die Beachtung der kaiserlichen Befugnisse, die Erich offensichtlich unter dem Einfluß des Besuchs bei Karl V. hinzugefügt hatte, im Hinblick auf die Beziehung zum Herzog von Braunschweig und für ihre geplante Einführung der Reformation von großer Bedeutung.

Ein Mandat des Kaisers ließ indes nicht auf sich warten. Ihr wurde vorgehalten, daß sie entgegen der Verpflichtung ihres verstorbenen Gatten, bei dem wahren christlichen Glauben und den entsprechenden Zeremonien zu verharren, von dieser abgewichen sei und die neue Lehre eingeführt, Prädikanten aufgestellt und in den Kirchen neue Ordnungen angenommen habe. Dieses sei zum Nachteil der Vergleichsverhandlungen im Reich, und er gebot ihr, "unverzüglich von diesen Neuerungen Abstand zu nehmen, sie wieder aufzuheben, bis zu einer gemeinen Ordnung".

Sie antwortete dem Kaiser zunächst ausweichend: sie sei eine in viel Drangsal und Beschwernis geratene Witwe und habe sich wegen ihrer langen Krankheit zu entschuldigen. Die neue Religion sei nicht erst nach dem Tode des calenbergischen Herzogs in dessen Territorium entstanden, sondern es hätte schon zu seinen Lebzeiten viele vornehme Untertanen als Anhänger gegeben. Um ihres Gewissens willen sowie wegen der Gesinnung des größeren Teils ihrer Untertanen könne Elisabeth diese Religion unmöglich ausrotten.

Dann erklärte sie, daß die Aufrichtungen einzelner neuer Kirchenordnungen nicht von ihr allein ausgingen, vielmehr sei der größere Teil der Untertanen, Adel und gemeiner Mann, vor allem aber die vornehmsten Städte schon lange dem Evangelium und göttlichen Wort anhängig gewesen.

Dieser Brief gelangte allerdings nicht in die Kaiserliche Kanzlei. Ein gemeinsames Schreiben Joachims und Philipps mit den gleichen schwerwiegenden Argumenten wurde ausgehändigt. Ein offizielle Antwort wartete Philipp nicht ab und hatte auch ihre Ausfertigung nicht weiter betrieben, sondern sich mit mündlicher Zusagen begnügt. Auch Joachim war in Regensburg von seinen eigenen Sonderinteressen erfüllt und dafür tätig; er hoffte auf eine friedliche Entwicklung des Religionsstreites. Für Elisabeth befürchtete er keine ernstliche Gefahr. Er schloß einen Sondervertrag mit dem Kaiser, in dem er sich zu einer Kirchenordnung verpflichtete, die äußerlich die Zeremonien der alten Kirche beibehielt. Außerdem sollte sich Joachim nicht dem Schmalkaldischen Bund anschließen. Den hessischen Räten teilte er wegen des Schreibens und der Fürbitte mit, daß die Angelegenheit beim Kaiser vorgebracht und daß es zunächst mit der testamentarischen Vormundschaft sein Bewenden haben solle.

Elisabeth war also gezwungen, sich innerhalb der vom Testament vorgegebenen Grenzen zu bewegen und im Vertrauen darauf, daß ihr Bruder und der Landgraf von Hessen die Interessen des Fürstentums und damit die Elisabeths vertreten würden, geriet sie in Abhängigkeit der beiden großen Nachbarn. Sowie sie ihre Kompetenzen überschritt - und das war bei der Einführung der Reformation, die sie mit Nachdruck betrieb - der Fall, mußte sie mit Kritik und Ermahnungen rechnen. Es erforderte hohes diplomatisches Geschick von ihr, weiterhin die Vorteile eines Pakts mit dem Landgrafen zu nutzen. Dieser wollte jedoch sein eigenes Bündnis mit den Schmalkaldenern unter Hinzunahme des geographisch aufgesplitterten Calenbergischen Territoriums stärken. Er verlangte für den Schutz gegenüber Herzog Heinrich Abgaben und militärische Hilfe.

Elisabeth suchte sich dem zu entziehen und betrieb weiterhin zäh und entschlossen die Reformation. Anfang des Jahres 1542 gab sie den Auftrag zum Druck der Kirchenordnung. Mitte Mai wurde diese an die Städte, die Klöster, die Mitglieder der Ritterschaft und an alle Kirchen des Landes versandt und erhielt Rechtskraft. Das umfangreiche Opus war von Corvinus verfaßt, teils kompiliert und von Elisabeth mit einem "Einführungsbefehl" wie ein polizeiliches Mandat erlassen. Der jeweiligen Ortsobrigkeit sollte die Sorge für eine Sittenordnung aufgetragen werden. In Münden, dem Sitz ihrer Leibzucht, wurde sie zusammen mit einer Gewerbeordnung erlassen, zu der der Rat der Stadt die Möglichkeit hatte, einzelne Vorschläge vorzubringen.

Die eigentliche Kirchenordnung bestand aus vier gedruckten Teilen: 1. einer Lehrordnung, 2. den Katechismuspredigten, 3. einer Agende und 4. einer Konfirmationsordnung. Da viele Pfarrer der hochdeutschen Sprache nicht mächtig waren, gab Corvinus den dritten Teil in niederdeutscher Fassung heraus.

Im Einführungsmandat legte Elisabeth die bereits in ihrem Schreiben an den Kaiser genannten Rechtfertigungsgründe dar: auf Grund der Mängel und Irrtümer in der Lehre und Praxis hätten längst diejenigen, die Häupter und Regenten der Kirche sein wollten, einen Weg und Rat suchen müssen. Dieses sei aber nicht geschehen, und so mußten "wir arme Leut dahingehen wie Schaafe, die keinen Hirten haben". Sie führt die Amtsvernachlässigung und die dadurch entstandene Notsituation an und erwähnt auch den Fleiß des Kaisers, mit dem dieser sich, besonders auf dem Reichstag in Regensburg von 1541 bemüht hat, den Zwiespalt in der "Religion" zu überwinden und die Einigkeit herzustellen. Die Amtsvernachlässigung und "unser vielfältigen sunde" werden für das Scheitern der kaiserlichen Bemühungen verantwortlich gemacht.

Die Untertanen habe sie in solchen Zweifeln und vielfältigen Irrtümern nicht belassen können. Sie habe sich für deren Seelenheil vor Gott verantwortlich gefühlt und deswegen mit Zutun und Rat frommer und gelehrter Leute die groben Mißbräuche abgetan und befohlen, Gottes Wort lauter und rein zu predigen. Die Kirchenordnung betont ebenso wie die des Kurfürsten von Brandenburg und des Landgrafen von Hessen die Verantwortlichkeit für die Untertanen vor Gott. Es war die Aufgabe der Obrigkeit, Gottes Frieden zu erhalten durch Bestrafung der "Bösen" und Beschützung der Frommen und Unterdrückten und eine gute Polizei zu handhaben zur Erhaltung der "bürgerlichen Einigkeit, Wohlfahrt und Ehrbarkeit" und zur Verhütung von Aufruhr und Rotterei. Die gärenden Zustände im Territorium erforderten eine klare Machtbefugnis, die durch "geistliche Theorien des Lehramtes" nur eingeschränkt erreicht worden wären.

Eine Verflechtung von Staat und Kirche glückte indessen nicht ganz, da der Adel nicht bereit war, auf die ihm aus den kirchlichen Lehns- und Patronatsverhältnissen erwachsenden Vorteile und auf die Versorgung seiner Töchter in den Klöstern zu verzichten.

Der Landgraf von Hessen hatte Elisabeth bei der Einführung der Reformation beigestanden; auch in seinem Lande hatte er die Reformation eingeführt. Er erwartete nun allerdings von Elisabeth Beistand, als der Schmalkaldische Bund 1542 das Fürstentum Wolfenbüttel besetzte und den Herzog aus dem Lande vertrieb. Elisabeth, die dem Bund nicht beigetreten war, hatte indessen Übergriffe seitens der durchziehenden Truppen in ihrem Lande zu erdulden. Auch gaben die Schmalkaldener, die nun das Land zunächst sequestarisch verwalteten, ihren Erbansprüchen auf Gebiete im Harz nicht statt. Die Angelegenheit wurde von Philipp und seinen Bundesverwandten verzögert. Sie machten zur Bedingung der Erfüllung ihrer Forderungen, daß sie half, Herzog Heinrich aus dem Lande zu halten.

Elisabeth hingegen fühlte sich nun von den Schmalkaldenern bedroht und versuchte, Heinrich, als er vertrieben wurde, militärische Hilfe zu leisten, da auch eine Annektierung Calenbergs durch den Schmalkaldischen Bund drohte. Das Vertrauen, daß zwischen ihr und Philipp geherrscht hatte, schlug in Verbitterung um. Elisabeth verweigerte schließlich jeglichen Beistand, auch als der Landgraf und der sächsische Kurfürst als Landfriedensbrecher verfolgt wurden. Sie schloß sich der Resukation ihrer Mandate durch ihre Räte auf dem Reichstag in Nürnberg nicht an.

Philipp behauptete nun, sie habe den Vollzug des Testaments verletzt und seine Ratschläge zur Besetzung der Regierungsgremien mißachtet. Elisabeth hörte wohl auf Philipps Rat, wenn es ihr nützlich erschien; sie entzog sich ihm jedoch, wo sie sich nicht hineinreden lassen wollte. Auch Philipps Anspruch auf Rechnungslegung folgte sie nicht. Er erhielt auch kein Inventar über den Nachlaß ihres Mannes auf allen Schlössern. Er machte die Fortführung der Vormundschaft nun von der Aushändigung dieses Inventars abhängig und beschwerte sich in einem Brief an den Kurfürsten Joachim.

Auch die Verhandlungen über einen Verlöbnisvertrag zwischen dem jungen Erich und der Landgrafentochter Anna gerieten ins Stocken. Elisabeth ließ ihn im Unklaren. Bei einen Besuch mit ihrem Sohn in Kassel faßte sie den Plan, daß Erich jetzt die ebenfalls dort weilende Schwester des Herzogs Moritz von Sachsen, Sidonie, heiraten sollte. Elisabeth fand die Verschwägerung mit einem Schmalkaldischen Bundesfürsten nicht mehr sehr glücklich. Philipp zeigte sich schwer verletzt, auch weil die Sache heimlich in seinem Hause angezettelt worden war und betrieb nunmehr seine Entlassung aus der Vormundschaft. Hiermit griff er die Stellung Elisabeths an. Auch forderte er jetzt wegen der Nichterfüllung des Heiratsversprechens die lt. Vertrag dafür zu entgeltenden 10.000 Gulden. Die Herzogin ließ sich vergeblich mahnen, auch wegen der Rechnungsbücher und des Inventars. Philipp schlug nun den Rechtsweg ein und beschwerte sich beim Kaiser. Elisabeth entpflichtete ihn nicht und war der Meinung, er verletze seine Vormundschaftspflichten. Sie erwartete von ihm den Schutz ihres Landes, als der Herzog von Wolfenbüttel sein Gebiet zurückerobern wollte.

Als Elisabeth 1546 eine zweite Ehe mit dem Grafen Poppo von Henneberg einging, konnte sie dem Testament zufolge die Vormundschaft nun nicht länger ausüben. Es wurde für den Mai eine Tagung in Münden vereinbart, auf der sie Rechnung legen und die Administration niederlegen sollte. Doch die Lossprechung konnte nicht erfolgen, da der junge Herzog außer Landes weilte; er hatte sich über das Vormundschaftsverhältnis, in dem er sich noch befand, hinweggesetzt und sich selbständig daraus gelöst. Auch der Ausbruch des Schmalkaldischen Krieges ließen die Vormundschaft ohne einen formalen Abschluß.

Graf Poppo von Henneberg stand bereits in verwandtschaftlichen Beziehungen zur Herzogin. Sein Bruder Georg hatte 1543 ihre Tochter Elisabeth geheiratet. Der 1512 geborene Graf, Rektor der Universität Freiburg und später Domherr in Köln, war zur Ausgburgischen Konfession übergetreten und widmete sich theologischen Studien, gab eine Sammlung wichtiger Stellen der Bibel heraus und schrieb eine Verteidigung der evangelischen Lehre.

Elisabeth suchte, ihre stattliche Leibzucht in Münden zu behalten, die ihr eine außergewöhnliche Machtfülle im oberen Fürstentum gewährte. Nach dem Heiratsbrief Erichs blieb es ihr auch frei- gestellt, die Leibzucht und Morgengabe abzulösen. So hatte sie frühzeitig ihren Räten einen neuen Leibzuchtvertrag vorgelegt, der es gestatten sollte, daß sie dort auch einen Gatten mit aufnehmen könne. Ihre Tochter Anna Maria sollte bis zu ihrer Heirat in Münden leben können, ebenso wie deren Schwester Katharina, die für die Abtei Wunsdorf eine Aussteuer erhielt.

Doch auf Grund des Heiratsvertrages mit Graf Poppo ergaben sich erste Zwistigkeiten mit dem jungen Erich, der ob des noch jugendlichen Alters seiner Mutter auf absehbare Zeit nicht über das Oberfürstentum würde verfügen können. Er hatte sich auf ein Unternehmen zur Befreiung von Heinrich eingelassen und geriet unter den Einfluß seiner Parteigänger und Anhänger.

Als Elisabeth 1545 die Regierung des Fürstentums an ihren Sohn übergab, verfaßte sie für ihn ein "Regierungshandbuch", das nach ihrer Aussage "ihm und allen jungen Herren ein Anfang zu christ- licher Regierung" sein sollte. Diese Schrift gehört zur Gattung der "Fürstenspiegel". Sie ist zu vergleichen mit einer ganzen Reihe ähnlicher Staatslehren, die in dieser Zeit in fast allen deutschen Fürstentümern aufgestellt wurden, entweder von einem Angehörigen des Fürstenhauses selbst oder von einem eigens dazu Beauftragten.

Der weiter gefaßte Begriff einer "Staatslehre" im Sinne von "ethischen Richtlinien einer monarchischen Volksführung" beinhaltet das Musterbild eines Fürstentums. In ihnen wurden Grundsätze, Normen und Regeln für das Verhalten eines Fürsten gegeben, besprochen und mit geschichtlichen Beispielen belegt. Diese fürstlichen Erziehungsinstruktionen wurden notwendig durch die zunehmende Bean- spruchung der Fürsten durch Geschäfte, die wachsende Unübersichtlichkeit des Hofes und den Weggang der Prinzen an fremde Höfe, an Universitäten und zum Zwecke der Begleitung des Kaisers.

Einen großen Raum nimmt die religiöse Unterweisung über die zehn Gebote, über Taufe, Abendmahl und Absolution ein. Als besonders christliche Tugenden, die einen Fürsten auszuzeichnen haben, werden aufgezählt: Gott groß und herrlich zu achten und sich selbst für nichts; die Last der Witwen und Waisen, Armen und Obdachlosen nicht noch zu vergrößern, sondern sie zu trösten, zu schützen, für sie zu sorgen und den Hungernden unter ihnen Brot zu geben, falsche Lehren abzutun (auch vor Schwärmern und Sektierern sich zu hüten) und die reine Lehre des Evangeliums predigen lassen; die Diener des Wortes achten, Schulen aufrichten, Siechenhäuser und Spitäler erhalten, wahrhaftig sein gegen Gott und Menschen und überhaupt sich eines ehrbaren Wandels befleißigen.

Dann folgen konkrete Angaben über die Behandlung der Stände und über verwaltungstechnische und finanzielle Aufgaben. Die Gerichte sollen "mit tüchtigen, vernünftigen und erfahrenen Leuten bestellt werden, und der Arme sowohl als der Reiche ein göttlich rechtmäßiges Recht haben". "Es fordert auch Dein fürstlich Amt, daß Du zuweilen armer Leute Sachen in eigener Person hörest und selbst auf die Kanzlei Dich in die Audienz verfügest, und die Billigkeit durch Dich verschafft werde; denn Deine Gegenwart kann viele Sachen fördern, die sonst ungefördert blieben". Dann werden von ihr alle wichtigen Ämter, die des Kanzlers und seiner Gehilfen sowie die Einkünfte aller auf der Kanzlei, die Ämter des Kammer- und Rentmeisters, des Marschalls, des Hof- und Stallmeisters, des Schmiedes und des Harnischmeisters dargestellt. Empfohlen werden Ordnung in den Rechnungen, gewarnt wird vor einer Vergrößerung der Schulden.

Der Fürst soll also dem Gesetz und dem Recht dienen, weswegen sie sich auf Römer 13 beruft. Gott sei allmächtig, nicht allein der Fürst. In den Ämtern sollen kompetente und erfahrene Leute ein- gesetzt werden, so daß Reiche sowohl als Arme eine angemessene Rechtsprechung erfahren und niemand mit seinen Angelegenheiten beiseite geschoben werde. Die Sichtweise ist die der Verantwortung des Herrschers zum Staat. Eingeschlossen ist die Warnung vor dem Rückfall in die Tyrannei. Von der protestantischen Reformation wird der Gedanke der Gleichheit des Menschen vor Gott aufgegriffen.

Das Regierungshandbuch bietet ein vollständiges Abbild einer evangelischen Staatsregierung zur Zeit der Reformation, deren Einfluß auf das religiöse und soziale Leben sich aus den organisatorischen Vorschriften gut ablesen läßt. Die verwalterischen Fähigkeiten der Fürstin kommen zum Ausdruck und zeigen ein bemerkenswertes klares Verständnis ihrer Rolle, an der Basis der Gesellschaft moralische Werte zu bekräftigen und eine bürgerliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Ihr Mitgefühl ließ sie erkennen, wann diese Ordnung und Moral bedroht waren. Jedoch forderte sie Strafe für Gesetzesübertretung, Diebstahl und Raub auf den Straßen.

Charakteristisch ist die eschatologische Betonung des Bösen in der Welt, die Gefahren der Zeit und der Krieg. Elisabeth nimmt an mehreren Stellen Bezug zu diesen Themen, macht sie jedoch nicht zur Hauptsache. Als zweites Charakteristikum ist das neue Selbstbewußtsein anzusehen, welches mit Nachdruck auf die "gefallene" Natur des Menschen Bezug nimmt, seine Ohnmacht und Hilflosigkeit. Die Ausdrücke "Mühe und Arbeit" werden im Zusammenhang von "Anfechtung" gebraucht. Elisabeth schreibt ebenfalls von "schrecklichen" Zeiten und schwierigen Situationen, ist jedoch positiv überzeugt von ihrer Arbeit und von der "Errettung" ihres Selbst und ihrer Leute.

Die Verhältnisse eines Landes und Hofes werden mit nüchternem Blick bis in die kleinsten Einzelheiten hinein überschaut und schriftlich behandelt. Es ist ein "Kulturbild" im kleinen, ein getreues Abbild einer evangelischen Staatsregierung in deutschen Landen zur Zeit Luthers. Das Werk liegt nach Baileys Ansicht jedoch nicht auf der "Grenze" zwischen einem Fürstenspiegel und einem Regierungshandbuch, wie Singer es darstellt. Er habe hier einen entscheidenden Fehler gemacht, indem er versäumte, zu unterscheiden zwischen der Auffassung, die Rhegius in seinen "Predigten" dem Fürsten kundtut, und die wiederum Elisabeth in der Realität an ihren Sohn weitergibt. Die Fürstin reflektiert zwar in ihrer Ethik den christlichen Auftrag in der Welt, aber sie geht weiter in praktikablen Ratschlägen, da sie es als ihre Verantwortung ansieht, wie die Politik am besten in das System eingebracht werden kann. Das was in den Reden bei Rhegius noch fehlt, finde man in Elisabeths "Lecture". Der Einfluß Luthers, Rhegius und Corvinus ist unmißverständlich jedoch überall zu spüren.

Leider mußte die Herzogin später erleben, daß der junge Fürst in vieler Hinsicht das Gegenteil tat, was die Verfasserin mit viel Lebenserfahrung ihm ans Herz gelegt hatte. Er trat zur Partei des Kaisers über, versuchte, die Reformation rückgängig zu machen und nahm ihr das zustehende Gebiet, die "Leibzucht" in Münden, trotz vertraglicher Zusicherung weg. Als Regent zeigte er später wenig Interesse am Wohlergehen des Landes und entwickelte kaum besondere politische Fähigkeiten.

Elisabeth wurde nicht als gleichberechtigte Bündnispartnerin angesehen, da ihre Rechte nur als zweitrangig angesehen wurden; weder bei ihrem eigenen Sohn, noch bei den beiden Ehemännern sowie auch bei den Landesherren der angrenzenden Herzogtümer konnte sie erwarten, daß diese, gerade auch als Anhänger der neuen Lehre, nicht auf ihre Vorrechte verzichteten.

So wurde Elisabeths jüngste Tochter gegen deren und gegen Elisabeths Wunsch verheiratet; sie willigte aus Machtlosigkeit ein. Nach der Beteiligung am Fürstenkrieg, in den sie 1553 gegen ihren Willen verwickelt wurde, und der für Calenberg verloren ging, mußte sich Elisabeth hochverschuldet nach Hannover in die Verbannung begeben. Ihr langjähriger Rivale und Gegner, Herzog Heinrich, stellte Bedingungen: Sie mußte auf ihre Leibzucht in Münden verzichten, so daß sie mittellos dastand und die riesigen Schulden nicht zurückzahlen konnte, für die sie in Hannover haftete. Erst als sie durch Hunger, das Verlassen ihrer Begleiter und schwere Krankheit gezwungen wurde, die Bedingungen anzuerkennen, wurde sie 1555 freigelassen und zog sich auf die Besitzungen ihres zweiten Mannes in die Grafschaft Henneberg zurück. Aber auch die männliche Verwandtschaft des Grafen Henneberg unterstützte sie nicht bei der Vertretung ihrer Rechte gegenüber ihrem Sohn.

So zeigen die Ereignisse nach 1545, wie Elisabeth als Frau und Witwe von der männlichen Adelsgesellschaft Schritt für Schritt entmachtet und verdrängt wird. Die Kriterien dafür waren vor allem: Die Behauptung der alleinigen für eine Frau ungewöhnlichen Regentschaft nach Beendigung der Vormundschaft, die Einführung der Reformation, welche dem Kaiser nicht genehm war und die Bewahrung der Unabhängigkeit bei den eigenen Bundesgenossen, dem Landgrafen von Hessen und dem Kurfürsten von Brandenburg.

Elisabeths Reformwerk, zwar unvollständig, blieb jedoch erhalten. Es entwickelte sich weiter, denn sie hatte den Anstoß gegeben. Der provisorische Charakter der Reformen und die Gegenaktionen ihres Sohnes besagten nicht, daß diese Reformen nur einen vorübergehen- den Erfolg hatten. Zwar konnten die eingeleiteten Reformen noch nicht als gesichert gelten, jedoch wurden sie nach einigen Rückschlägen im nun vereinigten Fürstentum gegen Ende der Jahre 1580 von Julius, einem Sohn Herzog Heinrichs, wieder aufgegriffen und endgültig und kontinuierlich befestigt.

Innerhalb des Wandlungsprozesse von mittelalterlicher Landesherrschaft zu einer staatlich organisierten Territorialverwaltung mit Konfessionsbildung, die eng mit der Politik verflochten war, hat Elisabeth eine bedeutende Rolle gespielt. Die legitime Teilhabe an der Herrschaft als Ehefrau und spätere vormundschaftliche Regentschaft, die der des Sohnes untergeordnet blieb, wurde wenig zur Kenntnis genommen, obwohl sie ein Ausdruck von aktiver Umsetzung religiöser Ideen bedeutete.

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