Landschaft Papenteich
Papenteich
Helga Gillmeister
Waldweg 3
38533 Vordorf
E-mail an die Autorin

 

Landschaft Papenteich.

Entwicklungen einer Kulturlandschaft von der Eiszeit bis zur Gegenwart.





Der Raum der Samtgemeinde Papenteich, Landkreis Gifhorn.

Das Gebiet liegt auf halber Höhe zwischen Braunschweig im Süden und Gifhorn im Norden sowie Wolfsburg/Fallersleben im Osten und Peine im Westen.
Der eigentliche Papenteich ist eine sandig-lehmige Hochfläche zwischen Gifhorn und Braunschweig. Ihr ungefähr dreieckiger Umriß wird zum überwiegenden Teil durch Fluß- bzw. Tallandschaften vorgegeben.

Erdgeschichtlich besteht die Landschaft aus einer Grundmoränenplatte, auf die das Lösgebiet des Vorharzes nördlich von Braunschweig stößt. Am Ende der letzten Eiszeit, vor ca. 12.000 Jahren lagerten sich Schutt- und Geröllmassen am Fuße der abtauenden Gletscher ab und an den Hügeln wurde Sand angeweht, welche eine fruchtbare Lösschicht bildete.



Diese Platten- und Hügellandschaft wird im Norden von der Aller mit ihrem Urstromtal begrenzt, welches dann in eine sandige Dünen- und Heidelandschaft übergeht. Die Urstromtäler sind ebenfalls in der letzten Eiszeit entstanden, als sich am Fuße der Gletscher das Schmelzwassser sammelte und sich einen Weg in tiefer glegene Gebiete suchte.




Im Westen wird der Papenteich dann begrenzt von den Teillandschaften Fahle Heide und dem sumpfigen Barnbruch im Osten. Den Westrand zeichnet das teilweise von Dünen begleitete Tal der Oker nach. In diese mündet bei Walle, dem mittelalterlichen Scheverlingenburg, die Schunter als südliche und südöstliche Umgrenzung.

Das Landschaftsbild ist abwechslungsreich. Flache Wiesentäler mit kleinen Bächen gliedern das Land mit seinen nur geringen Höhenunterschieden.

Die Ackerböden sind von mäßigem bis mittlerem Wert und erreichen gute Qualität inmitten der Hochfläche, wo mergelige Schichten der oberen Kreide einige Male inselhaft an die Oberfläche kommen und fruchtbaren Kleieboden bilden, z. B. bei Meine, Vordorf und Rethen.

Von der Altsteinzeit bis zur Bronzezeit

Erste Hinweise auf prähistorisches Leben fanden sich 1974 beim Bau des Elbeseitenkanals, als ein Baggersee, der heutige Tankumsee, ausgehoben wurde und man Tierknochen fand, die als von einem wollhaarigen Nashorn und einem Mammut stammend, identifiziert wurden. Diese Tiere lebten dort während der Eiszeiten zwischen 250.000 und 200.000 v. Chr. Und sind dann nach der letzten Eiszeit ausgestorben.

In der Nachbarregion in Salzgitter-Lebenstedt wurden von Archäologen Reste eines Jägerlagers ausgegraben, die aus der mittleren Steinzeit stammen. Vor etwa 50.000 Jahren hatten die Jäger dort in ihrem Sommerlager die Mammuts und Rentiere verzehrt, die sie in der norddeutschen Tundra erlegt hatten. Auch Geräte der Altsteinzeit, einen aus Feuerstein gefertigten Faustkeil und einen doppelseitigen Schaber aus hellgrauem Flint wurden gefunden, sowie Zinken, Stichel und Kerbspitzen aus Feuerstein sind erhalten geblieben.


Durch die Veränderung des Klimas kurz vor Ende der letzten Eiszeit veränderten sich Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt. Vor ca. 12.500 Jahren mußten die Menschen ihre Lebensweise umstellen Spuren von Siedlungplätzen fanden sich hauptsächlich auf Dünen am Rande der Gewässer. Es entwickelte sich die Federmesserkultur. Im Landkreis Gifhorn finden sich vier besonders große Siedlungsplätze auf den Dünen am Allerrand und zeugen von relativ dichter Besiedelung. Zahlreiche Klingen, Spitzen und Schaber aus Feuerstein wurden gefunden.



Am Ende der Altsteinzeit, als für ca. 1.000 Jahre ein erneuter Kälterückschlag stattfand, lebten die Menschen hier erneut von der Rentierjagd. In Wesbeck und Klein-Vollbüttel sind Zeugnisse dieser Jägergruppen gefunden. Aus der Mittelsteinzeit fand man sog. Mikrolithen, aus Feuersteinen zusammengesetzte oft nur 1 cm lange Waffen und Werkzeuge.

Zu Beginn der Jungsteinzeit, ca. 4000 Jahre v. Chr. kam es zur revolutionären Veränderung der Lebensweise. Aus Nomaden wurden seßhafte Bauern, die Ackerbau betrieben und Haustiere hielten. Neben Steingeräten fand man aus dieser Zeit Keramikgefäße, woraus sich die Bezeichnung Trichterbecherkultur ableitet.



In ihrer Endphase bildet sie durch die Großsteingräber die sog. Megalithkultur. Dabei wurden die aus Findlingen erstellten Grabkammern aus zwei Wandsteinen und einem Deckstein zusammengesetzt. Sie konnten für größere Gräber mehrfach aneinandergesetzt und mit Erde abgedeckt werden.

In der Nähe von Rethen, im Waldgebiet der Maaßel sind Reste eines solchen Grabes gefunden worden. Es handelt sich um eine gestörte Anlage, d. h. einige große Steine sowie die Abdeckung wurden irgendwann entfernt und wahrscheinlich zum Hausbau verwendet.



Aus der Bronzezeit (1800 - 1600 v. Chr.) wurden nur wenige Gegenstände, wie Flachbeile und Flint-Dolche gefunden. 1000 Jahre danach setzte sich eine neue Technik durch: die Eisenerzherstellung, wofür Rohstoffe in ausreichendem Maße im Harzvorland vorhanden waren. In Sümpfen und feuchten Niederungen wurde Sumpf- oder Raseneisenerz geborgen.

Die Begräbnisform war nun die Feuerbestattung. Aus dieser Zeit wurden zahlreiche Gräber mit Urnen und wertvollen Beigaben, wie Pokale und bronzene Armreifen gefunden. Ein Urnenfriedhof bei Wasbüttel enthielt Fiebeln, Gewandnadeln, Armreifen, einen eisernen Gürtelhaken und Glasperlen. Ein Grabhügel bei Gravenhorst hat die Ausmaße 13 mal 14,5 m und ist etwas mehr als einen halben Meter hoch. Hier fand man neben Gürtelhaken das Fragment eines bronzenen Segelohrrings.

Dieser Zeitraum zwischen 300 und 120 v. Chr. wird der Ripdorf-Kultur zugerechnet. Aus dieser Zeit stammt ein antikes Kartenbild von Ptolemäus.



Aus der Völkerwanderungszeit fand man am Iseufer bei Gifhorn 1936 in 2,70 m Tiefe einen Einbaum von 4,76 m Länge. Mit Hilfe der Pollenanalyse datiert man diesen Fund zwischen 450 und 700 n. Chr. Bei Rodungsarbeiten fand ein Gutsarbeiter 1922 eine kunstvoll gestaltete 52 cm lange Kette aus 5 Golddrähten, die sich heute im Museum in Gifhorn befindet.

Besiedelung im Mittelalter

Eine aus dem Jahre 997 stammende Urkunde, in welcher Kaiser Otto III. dem Halberstädter Bischof Arnulf den Wildbann schenkt, nennt 6 Waldungen, von denen 5 auch die noch heute bewaldeten Höhenzüge Hakel, Huy, Fallstein, Asse und Elm sowie ein Gebiet namens "Nordwald" sind.




Bereits vor diesem Zeitpunkt gab es eine urkundliche Erwähnung einer Anzahl von Papenteichorten, z. B. die Dörfer mit Archidiakonatssitzen, Meine und Leiferde. Archidiakonatssitze waren Urkirchengründungen, die bevorzugt an belebten, volkreichen Straßen errichtet wurden. Andere Anknüpfungspunkte waren vorchristliche Gerichts- und Versammlungsstätten, wie die Dingbänke zum Gogericht Rötgesbüttel oder der Zellberg in Meine.

In der Grenzbeschreibung ist dann auch von Waldungen, bzw. von Restwäldern unbekannter Zahl und Größe bis an die Aller heran, die Rede. Vor dieser Zeit hat es wahrscheinlich eine ursprüngliche, vielleicht nahezu flächendeckende Bewaldung gegeben. Dieses große Waldgebiet ist als altes Reichsgut anzusehen, worauf der Vorgang hindeutet, daß der König selbst den Wildbann verschenkt, welcher sich somit als ein Relikt aus der alten Verfügungsgewalt abzeichnet, welcher Karl d. Große nach der fränkischen Eroberung und Inbesitznahme über die großen Waldgebiete, z. B. auch über den Harz, für sich als Königsgut beansprucht.

Die Ortsgründungen versucht man auch mit Hilfe der Ortsnamen zeitlich zu bestimmen. Die Wortendungen auf -büttel, -boll (büttel = altniederdeutsch Gebudli =Gebäudegruppe) lassen auf Grund urkundlicher Erwähnungen auf eine Entstehungszeit vor 900 schließen. Die mit -leben (germanisch laiba =Erbeigentum an Grund und Boden) endenden Orte sind vermutlich noch früher entstanden, ebenso wie die Orte mit Endungen auf -heim und -hausen. Sie dürften vor den 772 beginnenden Kriegszügen der Franken gegen die Sachsen entstanden sein.

Die Ortsnamen Meine (Meynum 1007) und Rethen (1301 Rethene) sind appellativisch(gattungsbezeichnend) gebildet. Der Name Vordorf (1022 Wrthorp) ist abweichend vom Verteilungsmuster.

Eine Aufstellung über Bodentypen gibt Auskunft darüber, welche Böden zuerst besiedelt wurden.



Ein weiteres häufiges Grundwort -rode bezeichnet die Bereitung von Siedlungsboden durch Beseitigung von Waldungen zwischen dem Lößgebiet und der Allerniederung. Eine gleiche Aussage hat die Bezeichnung -loh, -lohe -lage, -lege und -horst.



Eine andere Gruppe wird durch Personennamen gebildet, welche familientypisch für bestimme Adelssippen (z. B. Liudolfinger, Immendinger) erkannt wurden. Die sog. Rundlingsdörfer datieren aus Anlagen im 12. Jh. teilweise auf zuvor angelegten Siedlungen und gaben ihm die gleichen Namen. Sie kšnnen aber auch von den die Besiedelung leitenden Lokatoren aus deren Herkunftsgebieten. übertragen worden sein.

Wurde ein bislang unangetastetes Vorbehaltsgebiet (ein königliches Wildbanngebiet) durch eine systematische flächendeckende Besiedlung erschlossen, kann ein sehr hohes Maß an Einheitlichkeit in der Merkmalaustattung der Siedlungen erwartet und unterstellt werden. Bei den Ortsnamenschichten fällt eine perlschnuratige Aufreihung entlang der Schunter nördlich von Braunschweig auf. Wahrscheinlich hat es aber hier an diesen bevorzugten Stellen für die Raumerschließung am Waldrand bereits ältere Orte gegeben.

Die Schunter zeichnet sich als gliedernde Achse durch das Nordwaldgebiet in nordöstlicher Richtung deutlich ab. Ebenso wie unmittelbar auf dem westlichen Okerufer verläuft hier parallel zum Fluß eine mittelalterliche Fernstraße zwischen dem Okerübergang beim späteren mittelalterlichen Braunschweig und dem altmärkischen Raum.

An der Schunter scheint es sich um eine planmäßige Besiedelung mit Etappenstationen militärischer Art zu handeln. Naheliegend ist eine genetische Beziehung zwischen Siedlungsablauf und Heerstraßensicherung. Im Zentrum des Raumes befindet sich eine kleine Gruppe von Dörfern mit älteren Namen. Meine, Rethen und Vordorf und unweit von Meine die Wüstung Stapel. Die lose zusammenhängende Siedlungsgruppe erweckt die Vorstellung einer Rodungsinsel im Nordwald.



Die Gründung der Orte in der einsamen Lage des Waldgebietes ist ungewöhnlich, zumal ein Mangel an vergleichbar günstigen Siedlungsboden damals kaum bestanden haben mag. Das Gebiet wird durchquert von der sehr alten Fernstraße zwischen dem Allerübergang bei Wilsche sowie dem Schunterübergang bei Wenden. Sie war eine wichtige Verbindung zwischen dem Elberaum und der Mittelgebirgszone. Anscheinend ist an dieser Heerstraße ein Stützpunkt als Etappenort angelegt worden, welcher als Zulieferer forstlicher und feldbaulicher Erzeugungsgüter über Viehzucht (Pferde, Rinder) bis hin zu Dienstleistungen des Transport- und Botenwesens gereicht haben mag.

Möglicherweise gab es einen zentralen Fronhof (Villikation), dem eine Anzahl von bäuerlichen Dörfern zugeordnet waren. Eine Fluranalyse kann das wegen der 1841/44 durchgeführten Verkoppelung des Altflurbereiches nicht mehr genau nachweisen. Lediglich die zwischen Meine und Vordorf gelegene Wüstung Stapel weist durchgehend eine Riegenschlageinteilung mit acht übereinstimmenden Grundbreiten auf, die auf die Auflösung des alten Fronhofes schließen lassen.

Größe der Ackerflächen im ausgehenden Spätmittelalter.




Ein Zusammenhang scheint auch zu bestehen zwischen dem Verlauf der Bistumsgrenzen zwischen Halberstadt und Hildesheim, welche durch das Papenteicher Gebiet verlief.

Die an der Grenze befindlichen -rode-Orte Sinesrode, Asenrode, Dudanroth, Aukenrode und Betekenrode fielen im Spätmittelalterer wüst, da der Siedlungsstreifen hinsichtlich Bodenqualität und Hydrogeographie nicht sonderlich günstig war. Die Bewaldung nahm wieder zu und eroberte die verlassenen Ackerfluren. Es kommt zur Bildung der abwechslungsreichen parkartigen Landschaft.




Wüstungen im Spätmittelalter

Im Landkreis Gifhorn gibt es eine spätmittelalterliche Wüstungsperiode von 1350 bis 1450. In diesem Zeitraum wurden ca. 42 % der Ortschaften wüst. Hauptursache war der Bevölkerungsrückgang, der durch Hungersnöte und Pestepidemien hervorgerufen wurde. Weitere Ursachen waren: Klimaverschlechterung, wirtschaftliche Veränderungen (wie die spätmittelalterliche Getreidekrise, Verlassen der Höfe infolge Umsiedlung in bodengünstigere Gebiete und grund- und gutsherrliche Willkür (Bauernlegen).

Die verschiedenen Formen der Wüstung:

1. totale Wüstung oder Vollwüstung: eine nicht wieder aufgebaute Siedlung
2. Ortswüstung: Verlassen des Ortes bei weiterer Nutzung des umliegenden Ackerlandes
3. Flurwüstung: nicht mehr genutzte landwirtschaftliche Flächen
4. Teilwüstung, partielle Wüstung: nur ein Teil des Ortes und der Ackerflächen wurde aufgegeben
5. temporäre Wüstung: Siedlung nur vorübergehend verlassen und später wieder aufgebaut.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Aufgeben von Orten und den Bodentypen.




Im sü lichen Kreis Gifhorn, also im Gebiet des Papenteiches gibt es auffallend viele Wüstungen, was sicherlich mit der oben genannten, dichten und planmäßigen Besiedelung zusammenhing. Wüstungen kann man erkennen und lokalisieren durch schriftliche Quellen, Flurnamenforschung und bei Flurbegehung entdeckte Funde an der Ackeroberfläche.

Eine zeitliche Bestimmung der Funde wird durch Vergleiche der Haustypen möglich. Im östlichen Niedersachsen waren Pfostenbauten gebräuchlich, im Spätmittelalter Schwellbalkenhäuser. Baumaterialien waren Holz, Flechtwerk und Lehm. Die Größe lag bei einer Breite von 2 bis 5 m und einer Länge von 3 bis 7 Metern. Die Gebäude konnten als Grubenhaus eingetieft sein oder ebenerdig, holzverschalt oder mit Steinmauern befestigt sein. In der Regel gab es keine befestigten Keller, sondern ausgehobene Gruben und oberirdische Pfostenspeicherbauten.

Die Feuerstellen bestanden aus einer Steinpflasterung oder aus Lehmplatten mit umgebenden Steinkranz. Anlage von Brunnen aus einem Holzkasten, einer Baumröhre oder aus Stein. Einfriedung aus einer lebendigen oder toten Hecke oder einem Flechtwerkzaun, Graben oder Damm. Wegeführungen in Form von Hohlwegen und Befestigungen aus Holz oder Stein, Hainbuchenhecken als Windschutz. Im Umfeld der Siedlung entstand Ruderalflora. Dämme zur Begrenzung von Acker- und, Wald flächen

Erhalten blieben von Pfostenbauten die Pfostengruben, evtl. ein Laufhorizont. Ursprünglich lagen die unteren Balken direkt auf dem Boden, später kamen sie auf ein einfaches Fundament aus Findlingen. Die Balkenlage ist meist nur noch als Verfärbung sichtbar, eine Steinstreung verweist auf ein Steinfundament. Im Innern des Hauses Spuren des Fußbodens aus Sandstreu, festem Lehm oder Steinpflasterung. Erdkeller zeichnen sich als verfüllte Gruben ab. Archäologisch interessant sind Abfallgruben oder als Abfallgruben benutzte Brunnen. Metallfunde sind selten, da Metall als wertvoller Rohstoff bei Neuanfertigungen wiederverwendet wurde. Ggflls sind tieferreichende Pfostengruben mit Pfostenstandspuren von Flechtwerkzäunen zu erkennen.

Ackerfluren lassen sich kaum erkennen, da sie durch die frühneuzeitlichen Wölbäcker überdeckt wurden. Auf Ödlandflächen oder in alten Waldböden haben sie sich als kilometerlange Bodenwellen von 7 bis 20m Breite erhalten. Schmalere Beetformen lassen hingegen auf forstwirtschaftliche Arbeitsmethoden von der Jahrhundertwende bis zur Mitte des 20. Jh. schlie§en. Wenn Siedlungen durch Brand wüst gefallen sind, werden zusätzlich dunklere Bodenschichten erkennbar.

Auf Ackerflächen sind Wüstungen unter einer ca. 30cm dicken Schicht erkennbar. Hilfsmittel sind Luftaufnahmen, scheinbar unsinnige Wegkreuzungen, wild entstandene Hainuchenbestände, linear stehende alte Eichen, Dämme in Waldflächen und flache Wall-Grabenkonstruktionen.

Die Wüstung Sinesrode zwischen Rethen und Vordorf wurde zwar lokalisiert, doch nicht ausgegraben. Auf der Ackeroberfläche zeugen zahlreiche Steine von Aufschüttungen Auch wurden Metallstücke sowie Tonscherben mit Verzierungen gefunden. Die Flur bestand aus 3,5 ha großen Ackerflächen. Gegen Ende des 15. Jh. wird der Ort nicht mehr erwähnt. Der Bereich des Sundern (Waldgebiet zwischen Vordorf und Thune, nördlich der Schunter, soll zum größten Teil von Hochäckern durchzogen und auf die Wüstungsflur von Sinesrode und aufgegebene Randfelder von Eckhorst und Thune zurückzuführen sein.

Im Spätmittelalter entstand auf insgesamt 29 Ortswüstungen und 16 Dörfern eine Wiederbewaldung. Von den insgesamt 54 totalen Ortwüstungen entstanden in diesem Zeitraum allein 41 - 47.
Die auf den Wüstungsfluren sich ausbreitenden Wälder blieben im Besitz der Grundherren. Die Abgabeverpflichtungen gegenüber dem Zehntherren erloschen nicht.

Im Mittelalter betrug die Bevölkerungsdichte 2 - 3 Menschen pro qkm, davon wurden 1 - 2ha mit Getreide bestellt war. Das übrige waren Eichen-Birkenwald, Eichen-Hainbuchenwald und Erlenbruchwald sowie sumpfige Wiesen.

Im 18. Jh wurde die Dreifelderwirtschaft aufgehoben und die Allmende, d. h. das Gemeinschaftseigentum des Dorfes verteilt. Die Stallfütterung nahm zu. Alte Gewanne mit schmalen Besitzstreifen wurden zusammengelegt, Wiesen- und Angerland entwässert. Verkoppelungen lt. Karte 1827.




20. Jahrhundert

Im Dorf Vordorf ist von1911 bis 1950 kaum eine Bautätigkeit festzustellen. Das wird sichtbar an der bis an die 60iger Jahre gebräuchlichen Hausnummernzählung, bevor Straßennamen eingefürt wurden.In den 50iger Jahren begann in der Umgebung des Dorfes die Parzellierung von Ackerflächen, als die durch den Krieg Vertriebenen, die dringend Wohnraum benötigten, anfingen Häuser zu bauen, die sie mit Hilfe von Ausgleichsmitteln finanzierten. In den Jahren zuvor war den "Flüchtlingen" bereits Land zum Obst- und Gemüseanbau zu günstigen Bedingungen verpachtet worden.

Die Bewirtschaftung der Felder mit Kartoffelanbau, Zuckerrüben und Getreide geschah auf kleinflächigen an Kleinlandwirte verpachteten, meist nur 1 Morgen große Ackerflächen. Es gab zahlreiche Weiden, auf die Vieh getrieben wurde.

In der Gemarkung Vordorf am sog. Schweineholz befindet sich heute eine Viehweide mit einzelnen Baumgruppen, wahrscheinlich den Resten eines Hudewaldes.



Bereits in germanischen Volksrechten war die Mastnutzung geregelt und später in Weistümern genau aufgeführt. Fruchttragende Bäume wurden unter Schutz gestellt, da bei übermä§iger Nutzung die Baumbestände zurückgingen.

Im 13. Jh. wird bei Kloster Ebsdorf ein Eichenpflanzwald erwähnt, und ab dem 18. Jh. pflanzte man planmäßig Eichenheister anstelle des Nadelwaldes an. Die Eichenkämpe wurden von den Bauern bearbeitet. Trotz dieser Regelungen ging der Waldbestand zurück und im 19. Jh. konnten Mastberechtigte die Mast nicht mehr ausüben.

Einnahmen aus der Mast konnten höher liegen als die durch Holznutzung. Vor dem Hudetrieb wurde im Herbst der Wald besichtigt, um die zu erwartende Mast abzuschätzen, die dann versteigert wurde. 30 breitkronige Eichen konnten ein Schwein schlachtreif füttern. Die auf manchen Höfen liegende Mastprivilegien wurden z. T. unterwandert, so daß es um die Huderechte oft Streitigkeiten gab.

Sogar in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg war die Waldnutzung durch Hude in Gebrauch. Noch 1955 gab es einen Schweinehirten in Groß Schwülper.




Seit der Flurbereinigung im Jahre 1972 hat sich die Landschaft infolge des nun großflächigen Anbaues verändert. Die Obstbäume an den Straßen verschwanden; sie wurden erst in den letzten Jahren durch Anpflanzung von Alleebäumen nur teilweise ersetzt. An der Kreisstraße nach Meine standen an den Feldrainen Büsche und Bäume. Es gab eine Kuhle, die sog. genannte Steinekuhle, in der sogar Bäume und Strächer standen sowie auf der anderen Seite ein Teich, die sog. Mergelkuhle. Beide wurden von den Dorfbewohnern vor Einführung einer planmäßigen Müllabfuhr als Abfallplätze benutzt und dann eingeebnet.

. Auf den großflächigen Feldern wird nunmehr hauptsächlich Getreide, Raps und Zuckerrüben angebaut. Die Weideflächen sind fast alle verschwunden, da die Milchwirtschaft aufgegeben wurde.

.



Die Bautätigkeit nimmt immer weiter zu, so daß sich die bebaute Fläche des alten Dorfes mehr als verdoppelt hat. An der Kreisstraße zur B4, dem sog. "Stadtweg" lag mehrere Jahre ein ca. 4 ha großes Stück Ackerfläche brach, welches von einem Dorfbewohner aufgekauft wurde. Diese Fläche wurde dann im Bebauungsplan als Gewerbegebiet ausgewiesen. Selbst eine Bürgerinitiative von angrenzenden Anwohnern gebildet, konnte die Bebauung nicht verhindern.

Ein Ingenieur- und Planungsbüro in Braunschweig wurde mit der Durchführung der Dorfumgestaltung beauftragt. Auf Grund von Protesten auch des BUNDes, des NABU und der Forstbehörde wies man Ersatzfächen aus. Als Motiv fŸr die Einrichtung des Gewerbegebietes wurde angegeben, daß man das Altdorf von Emissionen freihalten wolle. Als treibende Kraft ist ein Autohändler anzusehen, der zunächst in der Nähe des Sportplatzes auf einem Hofgelände Gebrauchtwagen anbot, die auch nachts angeliefert wurden und Ruhestöhrung verursachten. Hiergegen setzten sich Anwohner zur Wehr, ohne zu ahnen, was sie damit ins Rollen brachten. Jetzt befindet sich ein noch viel größerer Verkaufsplatz für Automobile auf der ehemaligen Ackerfläche. Im Gemeinderat war sogar mit der Stimme eines Mitgliedes, welches den "Grünen" angehört, für das Gebiet entschieden worden.

Gründung des Zweckverbandes "Großraum Braunschweig" im Jahre 1996 mit dem Ziel

- die vorhandene Raum- und Siedlungsstruktur zu sichern und ihr Wirkungsgefüge zu verbessern

- den Ausbau der Infrastruktur zu verbessern

- die natürlichen Lebensgrundlagen zu sichern und Umweltbeeinträchtigungen zu beseitigen oder zu mindern

- die Raumansprüche bedarfsorientiert, funktionsgerecht und umweltverträglich zu befriedigen

Im ländlichen Raum soll vor allem der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut werden, was eine Entlastung des Straßenverkehrs bedeuten würde.

Der ländliche und landschaftstypische Charakter der Dörfer in ihrer soziokulturellen Eigenart soll erhalten und entwickelt werden. Charakteristische Ortsbilder sind zu erhalten. Die Erhaltung und Freilegung von historischer Bausubstanz ist zu fördern.
In überwiegend landwirtschaftlich geprägten Siedlungen sind die landwirtschaftlichen Betriebs- und Produktionsstandorte vorrangig zu sichern.

Typische Übergänge von bebauten Ortslagen zur Landschaft sind zu erhalten bzw. bei abschließenden Siedlungserweiterungen zu berücksichtigen. Auf eine landschaftsgerechte Einbindung und Gestaltung der Ortsränder durch standorttypische Gehölze möglichst heimischer Herkunft ist zu achten. Die Kultur- und Erholungslandschaft soll durch eine umweltschonende Landbewirtschaftung erhalten und wieder hergestellt werden.

In den Naturräumen sind die typischen, naturbetonten Ökosysteme in einer solchen Größenordnung im Raum und Vernetzung zu sichern, daß darin die charakteristischen Pflanzen- und Tierarten und -gesellschaften in langfristig überlebensfähiger Population bestehen können.

Um der zunehmenden Zersiedelung der Landschaft entgegen zu wirken, ist der Zweckverband gegründet worden. Ob die gesteckten Ziele wirklich erreicht werden, hängt auch von den Bürgern selbst ab.

Demnächst wird mit dem Bau einer Umgehungsstraße der B4 um den Ort Meine begonnen. Ist es auch verständlich, den immer mehr zunehmenden Verkehr von der Ortsdurchgangsstraße fernzuhalten, so ist für die Landschaft wieder mit einem Verschwinden größerer Ackerflächen zu rechnen, die unwiederbringlich verloren gehen. Wollte man zunächst sogar ein Stück Wald bei Meinholz einfach abholzen und überbauen, so scheint jetzt die Planung dahinzugehen, daß die Umgehung in der Feldmark von Vordorf beginnt und westlich um Meine herumgeführt wird.









Literaturangaben:

  • Abel, Wilhelm, Geschichte der deutschen Landwirtschaft. 1967.

  • Borchert, Klaus, Wüstungen im Landkreis Gifhorn. Zur Problematik des archäologischen Nachweises
    mit den Beispielen der Wüstungen Levisse, Harmbüttel und Emmen. 3. Aufl., Gifhorn 1996.
    (Schriftenreihe des Kreisarchivs Gifhorn, Nr. 3)

  • Delfs, Jürgen, Bekannte und verborgenen Naturdenkmale im Raum Gifhorn-Wolfsburg. Gifhorn 1991.
    (Schriftenreihe zur Heimatkunde der Sparkasse Gifhrrn-Wolfsburg, Bd. 7)

  • - ders., Schweinemast im Wald. 1999.

  • Eichstädt, Ingrid/Conrad, Jürgen/Wintzingerode-Knorr, Karl-Wilhelm v., Die Geschichte des Raumes
    Gifhorn-Wolfsburg. Gifhorn 1996. (Heimatkundliche Schriftenreihe d. Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg, Bd. 12).

  • Küster, H., Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart. München 1995.

  • Meibeyer, Wolfgang, Siedlungskundliches Ÿber den Papenteich. Die Besiedlung des alten Nordwaldes zwischen Gifhorn und Braunschweig während des frühen Mittelalters im Lichte der Ortsnamen. 2. Aufl. Gifhorn 1996.
    (Schriftenreihe d. Kreisarchivs Gifhorn, Nr. 6)

  • Oberbeck, Gerhard, Die mittelalterliche Kulturlandschaft des Gebietes um Gifhorn. Bremen-Horn 1957.

  • Regionales Raumordnungsprogramm 1995 für den Großraum Braunschweig. Beschreibende Darstellung.
    Erläuterungen. Kartenmaterial. 2 Bde. Braunschweig 1996. (ist kostenlos erhältlich)

  • Wallbrecht, Andreas, Archäologische Fundstellen im Landkreis Gifhorn. Teil 1: Der Landkreis. Gifhorn 1995.
    (Schriftenreihe des Landkreises Gifhorn, Nr. 8)

    Anmerkung

    Die vorliegenden Seiten sind entstanden auf grund einer Arbeit (m¨ndlicher Vortrag und schriftliche
    Ausarbeitung) in einem Seminar über "Landschaftsgeschichte Mitteleuropas vom Neolithikum bis
    zur Gegenwart", welches im Sommersemester 2000 an der Technischen Universität Berlin stattfand.
    Der Dozent war Dr. Andreas Meißner.

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