Till Eulenspiegel
Till Eulenspiegel
und die Ständeordnung des ausgehenden Mittelalters

Inhalt

I. Die Entstehung des Eulenspiegel-Buches

II. Name und Wirkungsgeschichte

III. Eulenspiegel in der frühmittelalterlichen Gesellschaft. Der Gegensatz von

Kapital und Lohnarbeit

IV. Eulenspiegel bei Feudalherren, Klerikern und Gelehrten

V. Zusammenfassung

VI. Literaturverzeichnis

I. Die Entstehung des Eulenspiegel-Buches

Das Titelblatt der uns überlieferten ersten Ausgabe des Eulenspiegel-Druckes weist keinen Verfassernamen auf. Das 1510 bei Grieninger in Straßburg erschienene Buch enthält eine Sammlung von 96 Historien, die ein "kurzweilig" Lesen von "Dil Ulenspiegel" versprechen. Der Herausgeber verkündet weiter, daß er gebeten worden sein, diese Geschichten zusammenzubringen und zu beschreiben, was hier eines "Buren Son getriben und gethon" hat.

Es war lange ein Rätsel, wer der Verfasser wohl gewesen sie. Erst 1969 glaubte der Schweizer Philologe Peter Honegger auf Grund von Textvergleichen den Zollschreiber und Amtsvogt Hermann Bote nachweisen zu können, der von 1450 bis 1525 in Braunschweig lebte, und der außer dem Eulenspiegel eine noch bisher unveröffentlichte Spruchsammlung den "Köker" sowie ein "Schichtbuch", ein "Radbuch" und zwei Weltchroniken verfaßt hat.


In allen diesen Werken verbarg der Verfasser seinen Namen durch akrostichische Spielereien. Im Falle Eulenspiegels waren die Anfangsbuchstaben des Vornamens von Bote in den letzten 6 Historien verborgen. Ob Bote sich auf Grund seiner Stellung in der Öffentlichkeit bescheiden hinter der schon vorliegenden Sammlung zurücktreten wollte, bleibt offen. Offenbar wmußte er aber doch befürchten, wegen seiner offenen Kritik an der Ständeordnung Unannehmlichkeiten zu bekommen, denn bereits im Jahre 1488 verlor Bote sein Amt und wurde beim Handwerkeraufstand unter Hausarrest gestellt. Einige Jahre später forderten Aufständische sogar seinen Kopf, was gegen sein Amt als Zöllner gerichtet war.

Da er aber in einer Reihe von Historien auch das Patriziat angreift und die Hohlheit und Dummheit des Bürgertums entlarvt, stand er so zwischen zwei Fronten, wobei er wohl nicht vermochte, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen, da er bei beiden Mißstände sah.

Darüber hinaus nimmt sich Bote auch die Kirche vor, sowie Kaiser, Könige und Feudalherren und auch das Gelehrtentum wird Zielscheibe seines Spottes. Dabei greift er, um auch hier seine Absichten zu verschleiern, zu dem Mittel der zeitlichen Verschiebung, d. h. er bringt historische Persönlichkeiten und andere urkundlich Erwähnte in Städten, Dörfern und Klöstern in einen anderen zeitlichen Zusammenhang.

Interessant ist hier die Frage, ob die Figur des Eulenspiegel tatsächlich gelebt hat und ob seine Taten auf wahren Begebenheiten beruhen. Hier mischen sich Legende und Wirklichkeit. Bote erwähnt zwar in seiner Weltchronik, Eulenspiegel sei 1350 in Mölln gestorben, er nimmt aber, wie schon oben erwähnt, historische Persönlichkeiten aus dem Ende des 15. Jahrhunderts hinzu und dichtet dem Eulenspiegel bestimmte Begebenheiten aus seiner Heimat an. Die Gestalt ist so eine Neuschöpfung Botes, wenngleich er offensichtlich mündlich überlieferte Ereignisse mit verwendet, die tatsächlich geschahen. durch die Jahrhunderte hielten sich hartnäckig Überbleibsel, die Eulenspiegel zugeschrieben werden. So fand man an einer Kirche in Wismar einen Stein aus dem 14. Jahrhundert, der eine Eule oder einen eulenähnlichen Menschen zeigt.

Auch muß es bereits eine heute verschollene "Eulenspiegel-Handschrift" gegeben haben, denn eine solche wird im Jahre 1411, also vor Erfindung des Buchdrucks, in einem lateinisch geführten Briefwechsel zwischen dem westfälischen Historiker Diem und einem päpstlichen Beamten namens Stalberg erwähnt. Wobei diese Schrift schon damals ""als dem Seelenheil nicht angemessen" geschildert wird und lieber aus dem Gebrauch kommen solle, obwohl es sich hier um Späße handelte, die in allen Schihten zwar spielen, und auch jeweils individuellen Schwächen bloßlegen, aber die letztendlich doch auf Kosten der Obrigkeit gingen. Es ist anzunehmen, daß Bote diese Handschrift benutzt hat, neue Historien hinzufügte und auch aus anderen früheren Schriften dem "Pfaffen Amis" von Stricker und zwei altitalienischen Sammlungen etwas entnahm und abwandelte.

II. Name und Wirkungsgeschichte.

Der Name "Ulenspiegel" ist im 14. und 15. Jahrhundert als Familienname urkundlich erwähnt, ohne daß diese mit Eulenspiegels Taten in Verbindung zu bringen wären. Der Name etnwickelte sich aber zu einem symbolträchtigen Begriff und kann vielfältig gedeutet werden. Die hochdeutsche Schreibweise "Eulenspiegel" tauchte erstmals in einem Frankfurter Druck von 1557 auf. Einmal wurde "Spiegel" in Verbindung mit Gedrucktem als nachgesetzter Wortteil eines Buches angewendet, welches dem Leser gewisse Eigenschaften, Personen und Verhältnisse vorführt, so z. B. in dem berühmten Rechtsbuch, dem "Sachsenspiegel", zum anderen ist hier "Spiegel" der Ausdruck für eine äußerst realistische Schilderung des Alltagslebens im augehenden Mittelalter.

Sehr plastisch steht hier das soziale Leben in Städten und Dörfern, Klöstern und Feudalhöfen vor uns auf. Wir nehmen teil am Leben in Wirtshäusern, Handwerksstuben, an Raubritterhöfen und Märkten und erfahren so die Sitten und Gebräuche dieser Zeit, ihre Eßgewohnheiten, die Herstellungsmethodern des Handwerks und Lebensbedingungen in Dörfern, die Arbeitsmöglichkeiten in Küchen, die Zustände auf Befestigungsanlagen und in Badestuben.

Die wörtliche Bedeutung von "ul" ist sehr schwankend. Im 16. Jahrhundert niederländisch "Dummkopf" bedeutend, so "ulen" in der Jägersprache "fegen" und "Spiegel" ist das Hinterteil eines Tieres; der Name könnte so auf das berühmte Götz von Berlichingen-Zitat hinauslaufen.

Geographisch umfassen die Eulenspiegel-Historien den niederdeutschen Raum, hier besonders das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg und die Gegend um Hannover und Celle.. Eulenspiegels Reisen führten ihn aber auch nach Lübeck und Bremen, Hessen und Flandern, sogar nach Polen und Italien. Vor allem um seinen Geburtsort Kneitlingen ranken sich Legenden. Man glaubte, seinen Hof ausmachen zu können, obwohl Eulenspiegel nicht seßhaft und völlig besitzlos gewesen sein soll. Der Steg über den Bach, in welchen die Taufpatin mit dem Täufling Till hineinfiel, ist noch zu sehen als "Eulenspiegel-Steg".

Weitere Beweise seiner Volkstümlichkeit ist die fast liebevolle Pflege, die er in Vereinen erfährt. Und sein Name wurde schon in der frühen Neuuzeit als Scherz- und Beiname für Menschen verwandt, die durch "närrisches" Betragen auffielen. Heute wird seine Figur zum Anlaß genommen, um auf gesellschaftliche Mißstände hinzu weisen. So erschienen z. B. in den 80iger Jahren in der Braunschweiger Zeitung unter dem Motto "Till geht durch die Stadt" eine Reihe von Beiträgen, die mit satirischem Witz merkwürdige Begebenheiten und Mißstände, hier besonders die innerhalb der städtischen Verwaltung, zum Anlaß von Kritik nimmt.

Und auf einem Marktplatz sitzt der lächelnde Schelm aus Bronze inmitten seiner Eulen und Meerkatzen, die er dort bei einem Bäcker einst buk. Und noch heute macht ein geflügeltes Wort die Runde, welches die Kaufwut der Bürger in der City bespöttelt: "Wenn es nichts mehr zu kaufen gibt, so holt euch doch Eulen und Affen", die tatsächlich noch in einer Bäckerei schön verziert aus Kuchenteig angeboten werden.

Seit dem ersten Erscheinen war das Eulenspiegel-Buch ein Bestseller. Es wurde bereits im 16. Jahrhundert in die meisten Kultursprachen Europas übersetzt. Dieser Erfolg hielt bis heute an. Allein im deutschsprachigen Raum erschienen bis 1980 ca. 360 Neuauflagen und seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts kommen weit über 250 Jugendbearbeitungen

hinzu, ebenso zahlreiche Übersetzungen in außereuropäische Sprachen. Der Stoff und einzelne seiner Historien erfuhren dichterische Bearbeitungen in allen Gattungen: Epik, Dramatik und Lyrik. Ebenso erfuhr seine Gestalt musikalische Bearbeitungen.

Die literarischen Bearbeitungen des Hans Sachs betonen das schwankhafte seiner Figur. Im 19. Jahrhundert wird er bei dem Flamen Charles de Coster zum Anlaß für ein umfassendes Sittengemälde der Niederlande aus der Zeit der Freiheitskämpfe gegen die spanische Herrschaft. Eulenspiegel ist hier ein Held, der nach seinen Abenteuern zu einer Gefährtin names Nele zurückkehrt. Ihm zur Seite steht, ähnlich wie im Don Quichotte, Sancho Pansa, der dicke lebensfrohe "Fresser" Lamme Goedzak.


Gerhart Hauptmann widmet ihm ein Spätwerk in Hexameterform. In dieser kosmischen Tragikomödie ist der Mensch Durchgangsort und Schlachtfeld. Es trägt den Titel "Des großen Kampffliegers, Landfahrers, Gauklers und Magiers Till Eulen spiegel Abenteuer, Streiche, Gaukeleien, Gesichte und Träume".


Eine ähnlich Wirkung erzielte gegen Ende des 16. Jahrhunderts nur noch die Gestalt des Dr. Faustus. Beide, der Schwankheld wie der Teufelsbündler verkörpern also offensichtlich eine Lebensmöglichkeit oder Daseinsform, in der das Publikum seine spezifischen Ängste und Befürchtungen oder auch geheime Wunschträume gespiegelt sieht.

In den Kinderbuchbearbeitungen wird er als der lachende r Schelm, der listig-gutmütige Narr, der in liebenswürdiger Komik den Schwächen der Welt den Spiegel vorhält, dargestellt. Er wird so verharmlost und zivilisiert; seinen Taten wird die Schärfe genommen, was vielleicht pädagogisch sinnvoll erscheint.

Den jeweiligen politischen Weltanschauungen dient er als ideologisches Aushängeschild. So ist er im Nationalsozialismus die Verkörperung kämpferischer Lebensbejahung und wird zum Feld rassisch-völkischer Grundlagen hinzugezogen. Er wird zum Sinnbild des heimatbewußten Menschen in einer Zeit, in der Altes, Morsches, Sattes und Faules überwunden werden müsse. Auch die bösesten seiner Streiche sind Neckereien, die mit lachender Miene in Kauf genommen werden.


Die marxistisch-orientierte Literaturgeschichtsschreibung sieht in Eulenspiegel den Typus des unterdrückten besitzlosen Bauern, dessen Taten sich gegen die herrschende Klasse richtet, die hier vom Bürgertum, Klerus und Feudaladel repräsentiert sei. Eulenspiegel ist der Plebejer, der die Oberschicht verspottet; er wird zum Repräsentanten der progressiven Klasse im Rahmen der frühbürgerlichen Revolution.


Von Anfang an erfährt er aber auch eine entschiedene Ablehnung. Seine Moral, seine "Arbeitsauffassung" wird verurteilt, kein Wunder bei seiner ökonomischen Devise, die in der 31. Historie formuliert wird:"... da gedacht er, waz er trieben solt, dass er gut überkam mit Müssiggon ..." Im Zeitalter der Glaubenskämpfe wird er von der katholischen Inqutsition auf den Index gesetzt, und die protestantische Seite benutzt ihn zur antikatholischen Agitation. Er zeigte besonders die Verkommenheit der Kirche.

Die Gelehrtenkreise des 16. und 17. Jahrhunderts fällen ein vernichtendes Urteil: Er übe einen verderblichen Einfluß aus mit seiner rücksichtslosen Kunst der Übervorteilung, der Selbstbehauptung und des Betruges. Es wird aber wohl eher das Lächerlichmachen der Obrigkeit, welches eine Gefahr für diese darstellt, gewesen sein, daß man versuchte, diesen auszumerzen, oder wo das nicht ging, ihn abzuwandeln zum harmlosen Schelm oder zum greulichen Bösewicht, der abschreckend wirken soll.


III. Eulenspiegel in der frühbürgerlichen Gesellschaft.
Der Gegensatz von Kapital und Lohnarbeit.


Von Anfang an wird Eulenspiegels Ausnahmestellung und Außenseiterposition gegenüber der Gesellschaft offenbar. Seine dreimalige Taufe, (während des Kirchgangs fiel die Amme mit ihm in den Bach) der erste seiner Streiche, in dem er mit einem Trick den Bewohnern des Dorfes die Schuhe nimmt, und sie danach suchen läßt, und der Ritt auf dem Pferd, bei dem er den Dörflern sein Hinterteil zeigt, sind Merkmale seiner Schalkheit und seines Nichteinordnenkönnens in die Gesellschaft. Er ist in Konfrontation zur handwerklichen Zunftordnung, die ihm den Eintritt aufgrund seiner armseligen Herkunft versperrte. Da er sich nicht als Tagelöhner ausbeuten lassen will, versucht er dem Zwang der ökonomischen Verhältnisse dadurch zu entgehen, daß er die Arbeitsanweisungen umgeht. Diese sind gemäß der Zunfttradition lange eingespielt, sind patriarchalisch und haben den Charakter bloßer Signale. Eulenspiegel zeigt sich dem Normverhalten der Handwerksmeister überlegen; er unterwirft sich nicht der Verfügungsgewalt des Handwerksmeisters, sondern interpretiert den Befehl zur Ausführung einer Arbeit auf seine Weise, in dem er buchstäblich das tut, was ihm aufgetragen wird. So fördert er den in das Normverhalten eingegangenen Zwang zutage.

Das ehemals gemütliche Knechtschaftsverhältnis beginnt zu zerbröckeln. Die Produktion ist vom Verbrauch getrennt. Der Hersteller kennt seinen Abnehmer nicht mehr; die Arbeitskraft wird versachlicht. Die Masse des Hergestellten für den Fernhandel führt zu einer Anhäufung von Kapital Die Arbeitsweise zwingt zur Ausbeutung, der Eulenspiegel zu entgehen versucht. Sein Widerstand äußert sich nicht darin, daß er sich den Gesellenverbanden anschließt und zum revolutionären Kämpfer wird, sondern er entlarvt sein Gegenüber, indem er demonstrativ gegen die hierarchische Ordnung angeht. Während der Meister schwatzend auf dem Markt herumsteht, schneidet Eulenspiegel Tierformen aus Leder zu, und während der Bäcker schläft, backt er Eulen und Meerkatzen. Diese Mißachtung der ungeschriebenen Gesetze führt zu Wut und Gewaltandrohung, weswegen Eulenspiegel die Flucht ergreifen muß.

Eine Veränderung der Verhältnisse kann er als Einzelner nicht erreichen. Es gibt keine Alternative und demzufolge auch keine einheitliche Motivierung oder Zielsetzung. Kann man die Verhältnisse nicht ändern, so doch die gewohnte einengende Ordnung we- nigstens stören. Bringt sich Eulenspiegel so in gefährliche Situationen, so rettet ihn sein Wortwitz, sein Erfindungsgeist im Auslegen von Verträgen und Anweisungen.

Er gibt sich nicht mit Erklärungen ab, da diese für den Augenblick sinnlos sind, sondern er handelt und findet sich damit in Einklang mit den Zusammenrottungen der Gesellen, denen die Führung eines eigenen Betriebes versagt blieb. Die Zunftordnung verstärkte sich jedoch daraufhin, die Unterkünfte wurden aufgelöst und Strafen wurden verhängt.

Der Strukturwandel, in dem sich diese Gesellschaft befand, und die durch die Entfaltung der Ware-Geld-Beziehung auch eine neue Beziehung der Menschen untereinander entstehen ließ, zerschlug die Zugehörigkeit verschiedener sozialer Gruppen und das Zusammenleben innerhalb dieser Gruppen. Der Handel, das Kapital wird zu einem Mittel neuer sozialer Differenzierung. Neue Klassengegensätze überlagern die alten Standesunterschiede. Die hergestellte Ware und damit die Arbeit wird zum Selbstzweck, der Arbeitende wird innerhalb seiner Tätigkeit entfremdet, er kennt sein Gegenüber nicht, denn er produziert für Unbekannte. Neue Kommunikationsformen entstehen, in der die Marktgemeinschaft sich am Geld orientiert. Der Tauschwert wird zum Wesentlichen eines neuen zweckrationalen Handelns. In Eulenspiegels Gestalt bricht sich diese neue Ordnung, die sich noch nicht gefestigt hat. Die alten Formen drohen zu zerbrechen, und Eulenspiegel kann dem nur noch rücksichtsloseres Handeln, gepaart mit raffiniertem Witz entgegensetzen.

Ein großer Teil der Historien sind in diesen Bereichen angesiedelt. Werner Röcke geht in seiner Interpretation "Der Egoismus des Schalks" sogar soweit, daß er in diesen Formen des Tauschhandels einen neuen skrupellosen Kampf um Vorteile sieht; obwohl es sich hier um die Fortsetzung eines Krieges mit anderen Mitteln handelt. Nicht die Gesinnung, lediglich die Formen des Miteinanderumgehens ändern sich. Die Grundlagen zur Entwicklung des bürgerlichen Individuums zeichnen sich ab.

Ob hier allerdings so weit gegangen werden kann, daß sich bereits in einem der ersten Streiche Eulenspiegels, wo er das Seil mit den Schuhen zerschneidet, und er lediglich die Absicht hat, Spaß und Freude am Scherz zu erregen, sich ein "Kampf um privates Eigentum" ereignet, welches zur Zerschlagung der Dorfgemeinschaft und zu einem für die sich heraus- w bildende bürgerliche Gesellschaft erbitterndes Gegeneinander des Konkurrenzkampfes führt, dürfte überinterpretiert sein.



Eulenspiegel will in erster Linie foppen und necken und sich über seine Mitmenschen lustig machen, was durchaus auch in der Absicht Botes gelegen hat, denn "seine Schrift soll niemandem Verdruß bereiten", sondern sie soll ein fröhliches Gemüt machen in schweren Zeiten. Wenn schon die Verhältnisse schwer zu ertragen sind, so soll wenigstens Anlaß zum Lachen da sein, denn Lachen vertreibt wenigstens für ein paar Momente die Angst. Der lachende Bauer hat keine Angst vor dem Tod oder vor den Gesetzen, die sich mit Hilfe der Angst Geltung verschaffen.

Die Wandlungen zu einer bürgerlichen Gesellschaft, in der das Prinzip des freien Wettbewerbs sich immer mehr verschärft, bilden die egoistischen, ausschließenden feindse- ligen Seiten beim Menschen heraus. Doch dürfte hier an die Idylle der Gemeinschaft von Haus, Hof und Familie eine andere Form treten, die nicht von vornherein als negativ anzusehen ist. Hier bleiben noch Fragen offen. In den Bereich dieser Problematik fallen Historien wie die, wenn Eulenspiegel im Wirtshaus gegen "Geld ißt", was vordergründig als besonders gelungene Zechprellerei erscheinen mag, aber bei näherem Hinsehen ist es ein in harter Wirklichkeit gleichgültiges Gegenüberstehen, denn die Wirtin weist Eulenspiegels Bitte um eine milde Gabe zurück, in dem sie ihm vorrechnet, daß sie auf den Fleisch- und Brotbänken auch nichts umsonst erhält, weswegen sie "für daz Essen auch Gelt hon muß." Ein anderes Handeln entspräche nicht ihren Interessen. Daß Eulenspiegel hier doch noch zu seinem Recht kommt, denn er will für die Mühe des Essens entlohnt werden, zeugt von seinem Einfallsreichtum.

Wenn Eulenspiegel die Arbeitsanweisungen des Handwerksmeisters wörtlich nimmt, so nimmt er die Sprachgebärde für sich allein abstrakt und entkleidet sie ihres konkreten Sinnes. Die Bedeutung der Worte baut auf einen selbstverständlichen Sinnzusammenhang, die der Tradition der Unterordnung und des Einverständnisses. Eulenspiegel verläßt diese Hierarchie, in dem er seine eigene freie Interpretation zwischen Befehl und Ausführung schiebt. Er kann dadurch zwar die Verhältnisse nicht ändern, setzt aber einen Reflexionsprozeß in Gang, in einer Zeit, wo die Bewußtseinslage zweideutig ist. Die Handwerkerzünfte versuchen, sich den neuen Produktionsbedingungen des Ware-Geld-Geschäftes anzupassen, in dem sie nicht mehr nur Gesellen ausbildeten, sondern als Aufseher über Hilfsarbeiter ihre Arbeit rationalisierten.

In Eulenspiegels Handlungen wird das Zwanghafte der alten Ordnungen sichtbar, die ihren bedingungslosen und mechanischen Normenkodex auf alle Mitglieder überträgt. Eulenspiegel begegnet dieser Gewalt, die er durch die Sprache erfährt ebenfalls durch Sprachgewalt, was durch eigene individuelle Interpretation geschieht. Beide Seiten transferieren ihre Ansprüche total, so daß keine Verständigung erreicht wird. Obwohl hier ein sozialer Defekt der Gesellschaft vorliegt, rechtfertigt die Sprache die Aussage, gleichzeitig aber auch die Auffassung des Individuums Eulenspiegel. Er mahnt nicht, sondern führt durch eine Reproduktion dieser Ausdrücke eine Aufklärung des Lesers durch das Lachen herbei. In der Realität rufen seine Handlungen beim Opfer lediglich Verblüffung und Ärger hervor. Sie sind Ausdruck eines permanenten Konflikts, in die ein Einzelner gegenüber den realen Ordnungen der Gesellschaft gerät. So ist der Eulenspiegel keineswegs eine Streitschrift gegen die Mißstände der Zeit, sondern er wird zum Träger des Prinzips der Individualität und der Freiheit, zum Rebell gegenüber einer festgefügten Ordnung, die er ständig ad absurdum führt oder zumindest Zweifel an ihrer Unantastbarkeit weckt.

IV. Eulenspiegel bei Feudalherren, Klerikern und Gelehrten.

Obwohl Eulenspiegel nicht als sozialer Revolutionär auftritt, gerät er doch in Konflikt mit der Obrigkeit. Hier von Herzögen und anderen Würdenträgern als Spaßmacher, der mithilft, die Zeit zu vertreiben, herbeigeholt, ist es seine scharfe Zunge, die man fürchten muß. Es bleibt nicht bei einer Ergötzung durch den Hofnarrn, denn Eulenspiegel begegnet der Gewalt des Landesherrn, in dem er sich dessen Formel von "Grund und Boden" zu eigen macht, denn er sitzt in einem Karren voll "eigenen" Landes, da er vom Grund und Boden des Herzogtums verwiesen wurde.



Der Herzog reagiert zornig, muß aber diese Antwort wohl oder übel als "hofnärrisch" hinnehmen und ihn ziehen lassen.

Der Hintergrund dieser Historien ist in der Tat alles andere als lustig. Die Feudalherren beherrschten das Land rücksichtslos und versuchten, immer größere Mittel aus ihren Untertanen herauszupressen. Eulenspiegel, selbst von einem der landlosen Kothöfe, die einem Burgherrn unterstanden, stammend, führte in seiner Jugend ein armseliges Dasein und wurde schließlich als Knecht bei einem Raubritter verdingt, an dessen Raubzügen er jedoch nicht lange teilnimmt.

Auch nachdem das Land an das Braunschweiger Kloster St. Ägidien verkauft wird, hatten die einstigen Untersassen kein besseres Auskommen. Es entstand Widersetzlichkeit und Ungehorsam, bei dem der Rat der Stadt Hilfe leisten mußte. Wirtschaftlich traten große Spannungen auf. Die Pest dezimierte manchmal die Bevölkerung um ein Drittel, ganze Landstriche verarmten, so daß die Erzeugnisse keinen Absatz fanden. Auf dem Lande konnten die Feudalherren teilweise dieAbgaben nicht mehr eintreiben, da auch viele Kleinbauern, für die ihr geringes Land keine ausreichenden Arbeits- und Ernährungsmöglichkeiten bot, in die Städte abwanderten, wo sie aber ebenfalls schlechte Bedingungen vorfanden: Sie wurden in 14 - 16stündiger Arbeit von Handwerksbetrieben ausgebeutet. Sie waren zwar "frei", wurden aber oft zum Betteln gezwungen.

Die 26. Historie, in der Eulenspiegel in seinem eigenen Land auf einem Karren durch das Herzogtum Lüneburg fährt, hat noch eine andere, schärfere Variante. Da das Land zu betreten, ihm verboten war, es aber trotzdem sich eines Tages ereignete, daß er zu Pferde dem Herzog begegnete, greift Eulenspiegel, um sich vor dem Galgen zu retten, zu einer Verzweiflungstat, indem er sein Pferd schlachtet und sich zwischen die 4 aufragenden Beine stellt, denn "ein jeglicher soll Frieden haben in seinen vier Pfählen", einer alten deutschen Rechtsauffassung über den Hausfrieden. Hier ist der Wortwitz nicht länger ein Mittel der Übervorteilung und der Schadenfreude, denn Eulenspiegel "redet" um sein nacktes Leben: "Ich hab doch nit so ubel gethon, daz doch Henckens wert ist." Eulenspiegel beruft sich nicht auf die bloße 3-3 Wortähnlichkeit zu einem Gesetz, sondern er handelt, indem er seine einzige Habe opfert, sein Pferd. Hier meint Eulenspiegel es ernst und sein Arqument ist im Augenblick nicht, zu widerlegen. Der Herzog läßt ihn bleiben. Der Mächtige muß vor einem Ohnmächtigen kapitulieren. Seine Arqumente sind zwar spitzfindig in Bezug auf Umfang und Inhalt von Privateigentum und auf die Grundrechte der Herren, stellen aber eine präzise Antwort dar, die nur schwerlich anders auszulegen ist, was denn auch unterbleibt. Die Macht ist hier für einen Augenblick unwirksam geworden, indem Eulenspiegel sie sich aneignet.

Das, worunter vor allem die niederen Stände leiden, die sich aber trotz gelegentlicher Zusammenrottungen zwar aufgrund von Erkenntnissen auch artikulieren können, aber letzt- endlich sich im großen Sturm der Verhältnisse verlieren, ist bei Eulenspiegel dadurch als individueller Protest, als Racheakt der Ohnmächtigen gegen die Ausbeutung des Feudaladels, der Kirche und der Zunftherren zu erkennen als Akt der Befreiung, gemischt mit Galgenhumor; ein Lachen der Schadenfreude derjenigen, die die Verhältnisse nicht ändern können. Die Gefährlichkeit dieses Protestes wurde durchaus erkannt.

Wird hier aus Spaß Ernst und gerinnt das Lachen in tragikomischer Situation, so ist die 22. Historie wiederum ein Streich, der die Kampfeslust eines streitsüchtigen Fürsten zur Zielscheibe hat. Eulenspiegel verdingt sich als Turmbläser und soll den Feind melden, in dem er ihn "anbläst", d. h. auf der Trompete bläst. Eulenspiegel macht es genau umgekehrt, so daß er sich an der gedeckten Tafel gütlich tun kann, als er nichts zu essen bekommt. Und "daz ward ihn gar sehr verdriessen und wär gern von dannen gewesen", denn er het nit guten Lust, allen Tag mit den Feinden zu fechten".

Seine Handlungen sind also von vornherein daraufhin angelegt, zu provozieren. Er mißversteht sie absichtlich: "Ich darff kein Feind blasen, daz Feld ist sunst vol". Daß was zunächst lächerlich ist, entpuppt sich zum bösen Streich. Daß Eulenspiegel hier leicht zu einer Projektionsfigur für ideoligische und historische Erfahrungen und Erwartungen der eigenen Interpretation werden muß liegt auf der Hand.

Eulenspiegel ist ein literarischer Katalysator, an dem sich die Geister scheiden. Kann man ihn so einmal als boshaften Störer der notwendigen Ordnung sehen, zum anderen als Verweigerer eines unnützen Wehrdienstes, so wird der Grund des Stellung-Beziehens durchsichtig. Je nach Anschauung werden elementare Einsichten deutlich: Vergnügen am komischen Helden, Mitleid mit der tragischen Figur oder auch Bewunderung für den rebellischen Geist. Aus psychoanalytischer Sicht dürfte Eulenspiegel ein von krankhafter Geltungssucht, ruhelos von Ort zu Ort Umhergetriebener sein, der durch bizarre Einfälle, Gefühlskälte und Hang zu Perversionen dem schizophrenen Formenkreis oder doch der Psychopathie zuzurechnen ist.

In der Tat scheint seine Schalkheit angeboren gewesen zu sein, denn Eulenspiegel war "künstlich" in der Schalkheit. In Nürnberg "kunt er von Natur nicht lassen" und hält die Scharwächter zum Narren, indem sie ihn über einen angesägten Steg verfolgen müssen und ins Wasser der Pegnitz fallen. Vorher hat er sie provoziert, indem er nachts mit einem alten Messer auf die Pflastersteine einschlägt, daß "das Feur daruß sprang." Eulenspiegels Wesen ist bestimmt durch List und Flucht. Waffengewalt ist ihm fremd, er löst sie allenfalls aus.



Eulenspiegels Handlung besteht aus spontaner Revolte. Er mag eine Wahrheit spüren, die vielleicht wahrer ist als die der Mächtigen, doch dann vergeudet er seine Wahrheit in unbedachten Aktionen, die keine Wirkung hat, außer der Zufälligen. Die Erfahrung und die Handlungsfähigkeit führen so nicht zu einer operativen Kraft, die die Welt verändern und verbessern könnte. Die Wahrheit dieses einfachen Lebens verwandelt sich schnell in die Wahrheit der Mächtigen und die Gegensätze bleiben bestehen.

Ein weiteres Beispiel für die Provokation des Adels liefert :Eulenspiegel in der 27. Historie, in der er weiße Wände für bemalte ausgibt. Die Vorliebe der Fürsten für Selbstdarstel- lungen ausnutzend gibt er sich für einen Kunstmaler aus. Er erhält dann auch vom Landgrafen von Hessen den Auftrag, Geschichte und Herkommen der Vorfahren und seiner Verbindungen zu Königen und anderen Fürsten darzustellen. Eulenspiegel erhält 100 Gulden, für die er und seine Gesellen jedoch nicht arbeiten. Als der Herzog seine Arbeit besichtigen will, verkündet er, daß nur diejenigen etwas sehen könnten, die ehelich ge-
boren seien, Uneheliche hingegen nichts.



Der Herzog hütet sich, zuzugeben, daß er nichts sieht. Eulenspiegel spielt hier darauf an, daß beim Adel besonders häufig sog."Fehltritte" anzutreffen seien und daß Bastarde oft die Geschicke eines Landes mitbestimmen, was aber niemand wahrhaben will. Da das Gesetz der ehelichen Treue besonders für die Untertanen gilt, hat der Adel Vorbild zu sein und bestimmt auch die Heiratspolitik, die aber häufig umgangen wird. Als eine "Närrin" unter den Hofdamen den Ausspruch wagt, daß sie wirklich nichts sehen könne, "und solt ich all mein Lebtag ein Hurenkint sein" wird es für Eulenspiegel brenzlich und er verschwindet wieder. Es gelingt ihm aber, ~; den Landgrafen hereinzulegen, denn dieser erhofft sich, mithilfe der "Bilder" einige Lehen der Ritterschaft einzuziehen.

Das Motiv, das das menschliche Erkennen zum Gegenstand hat, taucht in der Weltliteratur immer wieder auf ("Des Kaisers neue Kleider") und ist sehr alt. Niemand will sich hier auch nur dem Verdacht der Unehelichkeit aussetzen und heuchelt Verständnis. In einer weiteren Historie benutzt Eulenspiegel den Makel der Unehelichkeit, zu der sich in der Masse niemand zu bekennen wagt, um zu Geld zu kommen. Da er nun wegen seiner Boßheit schon weitgehend bekannt ist, muß er das Mittel der Verkleidung wählen. Er gibt sich als Prediger aus, der mit einem Schädel als Reliquie Geld für eine Kirche sammelt. Hier ruft er nun die Frauen zu einer Spende auf, die keine Ehebrecherin wäre. Da die Ehe unter der Autorität der Kirche steht, ist dieses ebenfalls ein Mittel, an den "Preis" des Bloßstellens zu gelangen, dem sich keine Frau aussetzen möchte. Auch hier arbeitet Eulenspiegel mit einer doppelten Provokation: einmal greift er eine menschliche Schwäche auf, zum anderen die Heuchelei in der Kirche, zu der die starren Moralvorstellungen jedermann zwingen.

Ein großer Teil der Historien hat die Kirche mit ihren Einrichtungen zum Inhalt. Ob verkommene Geistliche auf dem Lande oder Mönche, die den Regeln nicht mehr folgen, Eulenspiegel findet auch hier einen Bereich, der im Wandel begriffen ist. Der Mensch fing an, sich aus der Bevormundung und dem starren Weltbild, welches die Kirche vermittelte, zu lösen. Andererseits gab es eine Fülle von unüberschaubar gewordenen Lehrmeinungen, in denen sich das Individuum nicht plötzlich entdecken konnte. Die Welt Eulenspiegels zeigt eine in Auflösung begriffene Ordnung. Die Werte wandelten sich aufgrund entstehender Probleme, die nach Lösungen verlangten. Wird Eulenspiegel in einigen Historien geradezu als Gesellschafter der Kirche gezeichnet, oder als mitleiderregender armer Geselle aufgenommen, so nimmt er in anderen die Völlerei und Trunksucht und das "Zölibat" der Pfaffen aufs Korn.

In der 13. Historie hat Eulenspiegel als Küster ein Marienspiel zu inszenieren, bei dem es in der Kirche dann zu einer Schlägerei zwischen dem Pfarrer und seiner Haushälterin und den Bauern kommt. Eulenspiegel läßt einen Bauern auf lateinisch nach einer "alten einäugigen Pfaffenhur" fragen. Die Haushälterin, die einen Engel am Grabe Christi darzustellen hat, fühlt sich beleidigt und stürzt sich auf den ahnungslosen Bauern.



Zum einen wird hier wiederum das Zölibat, an das sich kein Pfarrer hält, erkannt und bloß- gestellt, zum anderen wird die Kirche als solche lächerlich gemacht Die lateinische Sprache, deren Sinn niemand versteht, wird ihres Ausdrucks entkleidet. Das Osterspiel wird zur Posse. Bote, der ein konservativer Christ war, greift hier nicht die Kirche als Institution an, denn Eulenspiegel befindet sich von der Taufe bis zu seinem Begräbnis in Mölln im Schoß der Kirche mit den gewohnten sakralen Feierlichkeiten, aber er zieht die kirchlichen Würdenträger in seinen Ständespiegel mit ein und stellt ihre Schwächen satirisch dar.


Die Disputiersucht der mittelalterlichen Universitäten wird in mehreren Satiren aufgegriffen. Bringt einmal Eulenspiegel einem Esel das Lesen bei; seine natürlichen Laute werden von den hochgestochenen Gelehrten gar nicht mehr erkannt, so stellt Eulenspiegel in Paris einigen Doctores, die man gerade examiniert die Frage, was besser sei: "daß ein Mensch tu, was er weiß, oder das, was einer erst lernen muß und was er nit weiß?" Sie kommen überein, daß es besser sei, einer täte, was er , wüßte und nicht, daß er erst lernen solle, was er nicht wüßte. Der Narr Eulenspiegel entlarvt hier die Gelehrten als Narren, da sie nicht tun, was sie wissen.


V. Zusammenfassung.

Die Figur des Eulenspiegel gibt so für vielfältige Deutungen Raum. Es konnten hier nur Teilaspekte berücksichtigt werden. Weitere Möglichkeiten der Betrachtung seien E hier wenigstens genannt: Eulenspiegels Vorliebe für Fäkalwitze oder sein Auftritt als professioneller Narr. Honegger E interpretiert die Historien als Darstellung der sieben Todsünden.

Nicht außer Acht gelassen werden sollte aber die vorherrschende Absicht Botes, Spaß zu machen und die Leser zum Lachen zu bringen. Die Historien weisen eine Fülle oft sehr derber Situationskomik auf, was zu schadenfrohem Gelächter i reizt, Freude und Spaß am Scherz bereitet ohne bedeutsamen Hintergrund, wenn sich z. B. die ihrer Schuhe entledigten Dörfler in wildem Durcheinander ihre Fußbekleidungen suchen,3 oder die Mönche auf dem Kirchgang im Dunkeln einer nach dem E andern die Treppe hinunterpoltern. Auch die Neckereien in i den Historien, wo die verschiedensten Zünfte die Gegenspieler Eulenspiegels sind, leben vom Spott über die Selbstherrlichkeit des strengen Zunftwesens. Hier tritt jedoch 3 über den bloßen Spaß ein weiteres Moment hinzu. Am Einzelfall des hochmütigen Bürgers, des geizigen Bäckers oder des boshaften Apothekers, die von Eulenspiegel bloßgestellt werden, wird die Unsinnigkeit der realen Ordnungen, die zur bloßen Rationalität verkommenen Verhaltensnormen deutlich. Die oberflächliche Dünkelhaftigkeit ganzer Zünfte wird bloßgestellt, wenn Eulenspiegel den Schneidern verkündet, sie sollten nicht vergessen, einen Knoten in das Ende des Fadens zu machen. Hier wird ein ganzer Stand ins Lächerliche gezogen, der von seiner Wichtigkeit überzeugt ist: Dem Kleidermachen als solchem, das in der Mode den Selbstzweck sieht. Hier wird die Ebene der Situationskomik verlassen, der Spaß wird zur geistigen Komik, die sich des Spiels mit der Sprache bedient. Hier wird die geistige Wendigkeit deutlich, der Witz, der dem Verstande entspringt. Sprache wird hier bewußt eingesetzt, um aus dem Unvermögen, in die eingefahrenen Bahnen der Gesellschaft zu gelangen, herauszukommen.

Eulenspiegel ist ein Seiltänzer in wahrsten Sinne des Wortes, ein Gratwanderer auf den Spitzen der Gesellschaft, deren Grenzwert er überschreitet. Er betrügt nicht, um zum Gewinn zu gelangen, er schädigt nicht aus diesem Grunde seine Opfer. Aus der Unfähigkeit, dem Unvermögen, die gesellschaftliche Zwänge zu ertragen, wird ein Sich-Darüber-Hinwegsetzen. Die Zwänge werden ins Absurde geführt. Seinen Handlungen ist keine Dauer beschieden. Er geht wieder, wenn es ihm paßt, und gelangt so zu einer fast vollkommenen Freiheit. Er wählt seine Gesellschaft, nicht sie ihn, wenn er je nach Lust und Laune seine Auftritte vorbereitet. Er kennt alle Stände und die Arbeit ist für ihn eine Last, derer er sich bald entledigt. Er wird so zum Träger allgemein menschlicher,zeitlich nicht gebundener Züge, der durch die Jahrhunderte weiterlebt.


VI. Literaturverzeichnis

Bote, Hermann. Till Eulenspiegel. Ein kurzeilig Buch von Till Eulenspiegel aus dem Lande Braunschweig. Wie er sein Leben vollbracht hat. 96 seiner Geschichten. Herausgegeben, in die Sprache unserer Zeit übertragen und mit Anmerkungen versehen von Siegfried H. Sichtermann. Mit zeitgenössischen Illustrationen. Ffm. Insel 1978.

Haug, Wolfgang Fritz. Die Einübung bürgerlicher Verkehrsformen bei Eulenspiegel. In: Eulenspiegelinterpretationen. Hrsg. v. W. Wunderlich. 1976.

Hildebrandt, Hans-Hagen. Sozialkritik in der List Till Eulenspiegels. Sozialgeschichtliches zum Verständnis der Historien von Till Eulenspiegel. In: Eulenspiegel-Interpretationen. Hrsg. v. W. Wunderlich. 1976.

Jung, Paul, Strukturtypen der Komik. Ein Beitrag zur formalen Analyse der "lustigen Geschichten". In: Theiß, Winfried. Schwank. 1985.

Könneker, Barbara. Das Volksbuch von Ulenspiegel. In: Theiß, Winfried. Schwank. 1985.

Lugowsky, Clemens. Die Form der Individualität im Roman. Berlin 1932.


Röcke, Werner. Der Egoismus des Schalks. In: Till Eulenspiegel in Geschichte und Gegenwart. Beiträge zur Älteren Deutschen Literaturgeschichte. Bd. 4. Hrsg. v. Thomas Cramer. Bern 1978. Theiß, Winfried. Schwank. Bamberg 1985.


Wiswe, Hans. Sozialgeschichtliches um Till Eulenspiegel. In: Eulenspiegel-Interpretationen. Hrsg. v. W. Wunderlich. 1976.

Wunderlich, Werner (Hrsg.) Eulenspiegel-Interpretationen. Der Schalk im Spiegel der Forschung 1807 1977. München 1979.


Zöller, Sonja. Der Schalk in der entfremdeten Gesellschaft. Dil Ulenspiegel als anachronistische Figur. In: Till Eulenspiegel in Geschichte und Gegenwart. Hrsg. v. Th. Cramer. 1978.

 



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