Wahrheitstheorien

Dieser Beitrag wurde als Referat anläßlich eines philosophischen Seminars angefertigt, welches Herr Dr. Christoph Hubig im Sommersemester 1986 an der Technischen Universität Berlin abhielt. Er wird mit einigen Änderungen und Korrekturen wiedergegeben. Die Literatur ist nicht auf dem neuesten Stand, doch dürften die Ausführungen über Wahrheitsbegriffe noch immer ihre Gültigkeit haben.

"Wahrheit und Wirklichkeit". Über Kapitel IV d. Buches Kamlah, Wilhelm/Lorenzen, Paul, Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens.

Inhalt:

Einleitung und Absichten

1. Wahr und falsch. Die interpersonale Verifizierung.

2. Aussage und Sachverhalt.

Sachverhalt und Tatsache.

Literaturverzeichnis

 

Einleitung und Absichten.

 

Das vierte Kapitel des Buches gibt neben einer allgemeinen Einführung in die Grundlagen wissenschaftlichen Denkens eine Hinführung zur elementaren Sprachlogik mit der Absicht, bessere Bedingungen zur Disziplinierung des Redens für Geisteswissenschaftler und Philosophen zu vermitteln. Neben einer Darstellung der Sprachzeichenlehre ist es die Absicht der Verfasser, eine Lehre von der Prädikation, d. h. der Bezeichnung von Gegenständen mit Wörtern zu geben.

Kritisch wird hier angeführt, daß es kaum Maßstäbe und Regeln für einen disziplinierten Dialog gibt. In allen Bereichen wie der Natur- und Geisteswissenschaft, der Literatur, der Kunstkritik und vor allem der Politik, ist die Disziplinlosigkeit und Unbekümmertheit, mit der aneinander vorbeigeredet und monologisch drauflosgeschrieben wird, erschreckend. Die hier eingetretene "semantische Verschmutzung" wird meist gar nicht mehr bemerkt. Sie ist Ausdruck der Verworrenheit und gegenwärtigen Stagnation, der Ursachen nicht allein in der Gegenwart sondern länger zurück- liegen.

Besonders die Philosophie muß den Anschluß an die Logik wiederfinden. Logik als Logistik ist heute hauptsächlich ein Teil der Mathematik und kaum als Wissenschaftssprache für alle Disziplinen einzusetzen. Aber gerade die Einführung einer klaren, einfachen und unmißverständlichen Sprache zur Definition von Begriff, Urteil und Schluß ist erforderlich.

1. "Wahr" und "falsch" (die interpersonale Verifizierung.

Hier geht es um den Einsatz der Metaprädikatoren (also für alle Wissenschaften gültige Kategorien) wahr und falsch, die einer Aussage zu- oder abgesprochen werden kann. Dabei wird die innere logische Struktur einer Aussage untersucht. Eine Aussage ist nicht von vornherein wahr, sie kann Wahrheit lediglich "beanspruchen"; behauptete Aussagen müssen verifiziert werden anhand von Beispielen und Gegenbeispielen. Das kann geschehen durch Denjenigen, der in der Lage ist, also einem sachkundigen Angehörigen der Sprachgemeinschaft, dieses zu beurteilen.

Die Prädikatoren "wahr" und "falsch" gelten für konkrete Gegenstände als Elemente deiner Sprache, die wir gemeinsam mit anderen sprechen, und auf die wir festgelegt sind. Die Kennzeichnung und Benennung eines Gegenstandes, z. B. des sanitären Objektes Badewanne, Musikinstrumentes Klavier, das eben diesen Prädikator "P" erhält, kann von einem geeigneten Sachkenner im Zweifelsfall bestätigt werden. Diese Situation ist vorstellbar bei einem Fernsehquiz, während weitergehende Fragen, z. B. über die Entwicklung dieses Objektes, oder auch warum es als "Badewanne" und nicht als Waschbecken bezeichnet wird, während einer Vorlesung vonstatten gehen könnte oder in einer Ausstellung über die Einrichtung von Badezimmern dargestellt ist. Während eine "umgangssprachliche" Auseinandersetzung während eines Gesprächs in der U-Bahn stattfinden könnte, ob z. B. ein bestimmter Mensch gebadet oder sich nur gewaschen hat.

Eine weitere Instanz für die Beurteilung von Sätzen ist die Vernunft. Neben der Voraussetzung, die gleiche Sprache zu sprechen, ist es die Forderung, dem Gesprächspartner und dem besprochenen Gegenstand gegenüber aufgeschlossen zu sein, d. h. sich nicht durch bloße Traditionen, Gewohnheiten oder Emotionen leiten zu lasen oder sogar böswillig zu sein.

Die Forderungen "nicht böswillig" und "sachkundig" können sehr weittragend sein, wenn über die Aussage hochentwickelter Wissenschaften entschieden werden soll. Z. B. ist die These, "Dieser Brief ist platonisch", er sei von Platon verfaßt, nur nach umfangreicher Prüfung durch einen philologisch, historisch und philosophisch kompetenten Gelehrten aufzustellen, wobei immer noch der letzte Beweis fehlen kann. Bei diesen Sätzen handelt es sich also nicht bloß um sprachliche Richtigkeit oder um die Wahl des Ausdrucks, sondern es müssen Feststellung vorausgegangen sein. Die Behauptung also solche allein oder die Aufstellung wissenschaftlicher Thesen verlangt nach dem Urteil anderer, nach interpersonaler Verifizierung, wobei es darauf ankommt, ob die Aussage "wahr" ist und nicht nur sprachlich richtig. Es wird eine interpersonale Verifikation, eine in der sokratischen Dialogik bezeichnete "Homologie" hergestellt.

Bei der Feststellung oder Verifikation (also einer Prüfung) von "wahr" und "falsch" als Beurteilungsprädikatoren gibt es Fälle, in denen trotz reiflicher Abwägung keine Entscheidung für Für und Wider möglich ist, ohne daß dadurch ein dritter Wahrheitswert entstünde. Es ist hierbei an Beurteilung menschlichen Verhaltens oder Leistungen gedacht, bei denen wir die Worte "nützlich". "regelwidrig" oder "moralisch" einsetzen. Hier können die Aussagen wahr und falsch auch durch andere Ausdrücke wie "berechtigt" oder "unberechtigt" ersetzt werden. die Beurteilung von Kunstwerken nach ästhetischen Maßstäben wird noch differenzierter erfolgen müssen.

Wer aber nun ist bei der Beurteilung wissenschaftlicher Sätze sachkundig, außerdem auch gutwillig und vernünftig? Bei der Aufstellung normierter wissenschaftlicher Termini, die über die Umgangssprache hinausgehen und um Aussagen explizit zu rekonstruieren, bedarf es anscheinend Autoritäten, die einerseits an die Umgangssprache anknüpfen, sich über- lieferter, vorwissenschaftlicher Sprachen bedienen, um dann im Rekurs auf andere Glieder einer Gruppe von Sachverständigen eine Übereinstimmung herzustellen. Das bedeutet auch, daß ein Satz auch dann wahr sein kann, wenn sich niemand oder noch niemand findet, der ihm faktisch zustimmt. Außerhalb der Wissenschaft ist die Wahrheitsfindung durch die Suche nach Übereinstimmung mit anderen Menschen gekennzeichnet. Innerhalb der Traditionen von Recht, Sitte und Religion glaubt der Mensch, was seine Vorfahren glaubten und gehorcht mehr oder weniger den Weisungen der Institutionen. auch der emanzipierte Mensch gehorche mit einer Unselbständigkeit den Anweisungen der Mode, gerade aufgekommener Verhaltensmuster, ästhetischer Normen und ist gerade dadurch, wie der mythische Mensch, der sich blind den Zufällen der Natur ausgeliefert fühlte, ebenso abhängig, wenn auch auf andere Art und Weise.

Wenn die Verfasser neben der Aufstellung von einfache Elementarsätzen wie "London ist eine Stadt" oder "Platon ist der Schüler von Sokrates", die sich empirisch durch Beobachtung, durch Befragung von Zeugen, Interpretation von Texten und durch Experimente verifizieren lassen, auch menschliche Verhaltensweisen im Rahmen der Soziologie und Anthropologie aufführen, so auch hier wieder zum Zwecke der Disziplinierung des Denkens und Redens. Es fehle nicht am genialen, neuen Einfall oder am avantgardistischen Experiment, wobei die gegeneinander aufgefahrenen Standpunkte und Meinungen sich zu einem unübersichtlichen Berg aufhäufen, der abgebaut werden müsse. Die Forderung der kritischen Nachprüfung durch vernünftige Sachkenner sei zu erhalten. Aber gerade die Beschränkung, die Forderung, die jeweilige Forschungsmethode solle von jedermann anwendbar sein, der sich die je erforderte Sachkunde in unbeteiligter Distanz erworben habe, könne nicht allein diejenigen Fragen beantworten, von denen Glück und Unheil der Menschen abhängen.
Auch die Philosophie bedürfe einer interpersonal normierten Sprache, die auch ein Miteinander nachsehen können enthält, da nur unter besonderen Schwierigkeiten nachgeprüft werden kann, wenn jemand von seinen Scherzen und Hoffnungen spricht, und seinen Haß oder seine Liebe bekundet, da gerade solche Äußerungen für unser Miteinanderleben und seine Erforschung von der größten Bedeutung sein können, da die Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit nicht nur um praktischen Leben wichtig sind.

Der Glaube an die Wahrheit der Aussagen anderer ist in zahlreichen Fällen des heutigen Lebens nur Notbehelf, auch wenn es sich um wissenschaftliche Aussagen handelt. Die Unmenge der Informationen stammt in der Regel aus Büchern, aus anderen Kommunikationsmitteln oder wird von Katheter herab verkündet. Hier ist in der Regel auch kein Gegenüber da, es sei denn, es handele sich um einen Dialog.

Die christliche Theologie, die in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten aus der Vereinigung von biblischen und christlichen Denken hervorgegangen war, sah im Glauben eine solchen Notbehelf, der erst später im ewigen Leben vernünftig einzusehen sei. Die Offenbarung wurde so der selbständigen Vernunft übergeordnet und im Verlaufe der Scholastik wurde sich Sätzen im "sacrificum Intellectus" blind unterworfen.

Luther war es dann um die Frage gegangen, was wir im interpersonalen Verhältnis von anderen glauben, wenn sie etwas über sich aussagen, und weniger, was sie über Gegenstände aussagen. So ist das Vertrauen in den Gesprächspartner von großer Bedeutung. Die Frage, wann und ob dieser Gesprächspartner aber innerhalb ungünstiger sozialer Bedingungen redet, wird hier nicht gestellt. Die Glaubwürdigkeit erscheint hier nicht getrennt von irgendwelchen Zwängen.

Innerhalb der christlichen Lehre wurden dann Wahrheitssätze, sog. "veritates aeternae" aufgestellt, die auch als Vernunftswahrheiten den empirischen Sätzen, die nachprüfbar sind - gegenübergestellt. Die jedem Menschen innewohnende natürliche Vernunft könne aber auch auf Rationalität begründete, ohne jede empirische Nachforschung zu absolut gesicherten Sätzen kommen, z. B. in der Logik und in der Mathematik. Der Empirismus hingegen beruft sich auf die Zuverlässigkeit elementarer Sinneseindrücke und läßt nur diese Forschung als exakt und ideal gelten.

So werden auch Sätze, d. h. Reden in de interpersonalen Beziehung nicht nur aufgestellt und behauptet, sondern auch "begründet".

2. Aussage und Sachverhalt.

In diesem Teil des Kapitels untersuchen die Verfasser, ob und wie "Bedeutung" und "Inhalt" menschlicher Rede unterschieden werden kann. Den Inhalt eines Briefes, eines Artikels oder eines Referates kann man wiedergeben in eigenen Worten, die ihn mehr oder weniger kurz zusammenfassen oder ihn paraphrasieren, wobei es weniger auf den Wortlaut oder Wortverlauf ankommt.

Hingegen ist bei schwer leserlichen Handschriften zunächst auf die Rekonstruktion der einzelnen Wörter zu achten. In einem physikalischen Lehrbuch z. B. kommt es dann wiederum kaum auf den Wortverlauf an, die verständliche Mitteilung kann sogar bis an die Grenze des grammatikalisch Falschen gehen, oder die Kürze des Ausdrucks der genannten Tatsachen kann schwer nachvollziehbar sein. Hingegen ist bei einem sprachlichen Kunstwerk der Wortverlauf keinesfalls gleichgültig; in der Lyrik ist die Wortstellung geradezu das Wichtigste.

Bei wissenschaftlichen und philosophischen Texten ist der "Inhalt" in seiner Gesamtaussage zu verstehen. Von da aus kann auf die "Bedeutung" einzelner Sätze im Kontext zurückgegangen werden. Die richtige Wiedergabe eines Textes läßt auf das Verständnis der dargelegten "Wahrheiten" schließen; womit hier schon Grundprobleme der Hermeneutik und Interpretation angesprochen werden. Die Bedeutung von Sätzen umfaßt sprachliche Schemata wie Morpheme, Wörter und Wendungen, eben die zusammengefaßte Aussage einer Rede.

Wenn vom "Sinn" die Rede ist, so kann man diesen Ausdruck zwar auf die Bedeutung eines Satzes beziehen; gebräuchlicher und zweckmäßiger beziehe sich das Wort "Sinn" auf Handlungen, d. h. das Verstehen, wozu eine Handlung ausgeführt wird. Neben dem Motiv für "reine" Handlungen, wie z. B. Rasenschneiden, gibt es Motive für das Halten von Wahlreden bei Politikern. Sachverhalte sind Tatsachen, über die verschiedene Aussagen möglich sind. Sie sind eigentlich "Abstraktoren", über die anhand verschiedener Quellen Informationen erfolgen können, die wiederum Interpretationen oder Aussagen ergeben, die verschiedenen Inhalts sein können, oder auch gleichen Inhaltes mir sprachliche verschiedenen Aussagen. Z. B. muß der Richter herausfinden, ob Aussagen "verschiedener" Zeugen "sachlich übereinstimmen". Dabei ergibt sich aus dem Sachverhalt quasi ein abstrakter Gegenstand. Wie kann man nun von dem abstrakten Gegenstand zu Sätzen gleichen Inhalts kommen? Hinsichtlich des Wahrheitswertes sind wiederum Sätze vom Inhalte her wahr oder nur in ihrer logischen Form. Sätze wie "Caesar war genial und ehrgeizig" ist inhaltlich und logisch wahr. Der "Caesar war genial und war ein Musiker" ist im zweiten Teil des Satzes dem Prädikat nach grammatikalisch richtig, aber sachlich falsch.

Ein und derselbe Sachverhalt kann durch Wortstellungen, Wahl von Aktiv und Passiv verschiedene Aussagen erfahren, die voneinander ableitbar sind innerhalb des sprachlichen Regelsystems, in dem stets Regeln der formalen Logik angewandt werden. Durch verschiedene Wortstellungen etc. werden nicht direkt voneinander verschiedene Aussagen hervorgebracht, sondern lediglich Nuancierungen und sprachliche Sensibilisierungen erreicht. Das Kriterium der Logik wird umso sicherer angewandt, je strenger normiert die Sprache der verglichenen Aussagen ist; Sachverhaltsgleichheit physikalischer Sätze wird sich leichter bestimmen lassen, als d e r umgangssprachlicher Sätze oder Sätze der Kunstwissenschaft.

3. Sachverhalt und Tatsache.

Der Unterschied von Sachverhalt und Tatsache ist der, daß jede Aussage einen Sachverhalt darstellt; eine Tatsache hingegen durch wahre Aussagen bezeichnet wird. Das heißt aber nicht, daß sie unabhängig von Aussagen der menschlichen Rede sind, sondern nur unabhängig von bestimmten Aussagen. Gegenstände bestehen unabhängig von ihrer Darstellung. Von Tatsachen und Sachverhalten kann man rückverweisend sprechen, sie werden zwar "dargestellt", aber nicht abgebildet. Im Kontext der Rede heißt es dann "die Tatsache, daß... " Im Unterschied zur "Tatsache" steht das "Ereignis", welches oft wenig in unserer Macht liegt. Man kann darüber Aussagen machen und sind sie "wahr", so gelangen wir zu "Tatsachen". Eine wahre Aussage setzt eine Tatsache oder einen "wirklichen Sachverhalt" voraus. Der Terminus wahr und wirklich ist also der gleiche. Es ist einleuchtend, daß nicht jede Aussage einen wirklichen Sachverhalt darstellt.

Neben falschen Aussagen gibt die Sprache die Möglichkeit, alles "Erdenkliche" zu vergegenwärtigen, auch auf dem Wege der Phantasie, der Vermutung oder der Täuschung. Vergegenwärtigen von Sprache bedeutet für den Menschen im Gegensatz zum Tier, welches Handlungen lediglich "aktuell" kann, handeln ohne Ausführung, die er aber planend vorwegnehmen kann oder auch vergangene sich wieder gegenwärtigt. Damit wird die Welt in den drei Dimensionen der Zeit erschlossen. Sachverhalte werden "fingiert", wenn Lügen, Irrtümer oder Täuschungen vorliegen, gegen die man sich durch Unterscheidung von "wahrer" und "falscher" Rede schützen möchte. Daneben gibt es die zugelassene Fiktion, wenn Möglichkeiten durch planendes Handeln vorweggenommen werden. In der Wissenschaft ist es das Aufstellen einer Hypothese, eines vorläufigen Satzes. Im Bereich der Dichtung ist die Fiktion geradezu notwendig und zugelassen.

Fingiertes gibt es also für die Zukunft, während "wirkliche Sachverhalte" oder "Tatsachen" in der Vergangenheit und Gegenwart zu erkennen sind. Unabänderliche Tatsachen sind Vergangenheit.

Tatsachen sind "wahre" Aussagen, auch z. B. in der Kunstwissenschaft, obwohl es hier "Ideale Gegenstände" sind, die erst empirisch erkannt werden müssen. Historische Aussagen basieren zwar auf Fakten, werden aber nicht durch generelle Aussagen, wie z. B. allgemeingültige Sätze in der Geometrie, sondern durch singuläre Sachverhalte dargestellt.

Zur weiteren Klärung von "fingierten" und "wirklichen" Sachverhalten und deren Unterscheidung, ist festzuhalten, daß nicht nur Romanfiguren durch fingierte Kennzeichnung "fingiert" werden können. Obwohl interpersonal nie jemand nachgewiesen hat, daß es z. B. "Erzengel" gibt, ist durch unsere Bildungstradition die Existenz von Erzengeln mit Namen wie "Michael" oder "Gabriel" geläufig. Ganz extrem wäre in diesem Zusammenhang die Erfindung eines neuen Erzengels z. B. mit dem Eigennamen "Ophael", den man in eine zusammenhängende Geschichte versetzen könnte.

Weiterhin sind Sätze wie "Die 10. Symphonie von Beethoven hat drei Sätze " zwar nicht inhaltslos und sinnlos; sie stellen jedoch einen fingierten Sachverhalt dar, so daß der Versuch, hier über Wahrheit und Falschheit zu entscheiden "sinnlos" ist. Der Satz ist wissenschaftlich unbrauchbar.

Die Wirklichkeit ist für die Aufstellung von Aussagen, Sachverhalten oder Sätzen also die maßgebende Instanz. Da sie von sich aus aber nicht redet, sondern schweigt, wird erst in der "interpersonalen" Verifikation, die die o. g. Bedingungen der Vernunft erfüllt, die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit erzielt, oder zumindest versucht. Skirbekk führt hier an, daß die hierfür erforderliche ideale Argumentationsgemeinschaft nur eine" offene" Idee darstellt. Denn wie weiß man, daß es die angeführten Kriterien sind, die Vernünftigkeit bestimmen?
Als Beispiel für die Definition des Wirklichkeitsbegriffs wird hier die Aussage über das mögliche Vorhandensein von Marskanälen angeführt. Die "Wirklichkeit" ist also Anlaß, geeignete Nachforschungen über ein Kanalsystem auf dem Planeten Mars bzw. deren mögliche Beschaffenheit anzustellen. Ob diese Erkenntnisse mit den zu erkennenden Gegenständen übereinstimmen, also "adäquat" sind, ist "interpersonal" nachzuweisen. Das heißt, daß die Entdeckung der Marskanäle, die sich ja erst später als "optische Erscheinungen" herausstellten, zunächst mit Hilfe geeigneter Instrumente erfolgte, die Voraussetzung für weitere Erforschung gab.

Im das Kapitel abschließenden Exkurs über "existenztragende Wahrheit" führen die Verfasser an, daß das moderne Wissen zwar äußerst reichhaltig, aber für den Menschen zu dürftig sie. Als existenztragendes Wissen wird hier die Antwort auf die seit der Antike und der Bibel gestellte Frage, wie wir "leben können" und nicht wie wir "sollen", wie es die moderne Ethik seit Kant philosophisch definiert, angesehen. Die Selbstsicherheit des Menschen, der über technische Mittel verfügt, sich dadurch selbst überschätzt und seine Einsamkeit und Ohnmacht dadurch umso mehr erfährt, hat geradezu dahin geführt, daß der einzelne Mensch sich selbst und seine Lage nicht mehr verstehen kann.

Literaturangaben:

Hubig, Christoph, Handlung — Identität — Verstehen. Von der Handlungstheorie zur

Geisteswissenschaft. Weinheim u. Basel: Beltz, 1985.

Kamlah, Wilhelm/Lorenzen, Paul, Logische Propädeutik. Vorschule

des vernünftigen Redens. 2. Aufl., Mannheim 1973, S. 10.

Seiffert, Helmut, Sprache heute. Eine Einführung in die Linguistik. München 1977, S. 194.

Stegmüller, Wolfgang, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie. Ein kritische Einführung.
Bd. 2, Stuttgart 1975, S. XI.


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